hdgö-Kulturvermittler nutzen Lockdown für neue Formate

Kulturvermittler sind in Museen oft nur geringfügig oder Teilzeit angestellt. Auch wenn sie meist mehrere Standbeine haben, hat sie das Corona-Jahr teilweise hart getroffen. Im Haus der Geschichte Österreich (hdgö) sind die Vermittler immerhin fix angestellt. Während der coronabedingten Schließung der Museen nützten sie die Zeit, um neue Konzepte zu entwickeln. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich mehr Sichtbarkeit und Anerkennung für ihre Arbeit wünschen.

Obwohl das hdgö am morgigen Dienstag wieder aufsperrt, bleiben Vermittlungstätigkeiten wie Führungen und Workshops vorerst verwehrt. Raluca-Antonia Plessing arbeitet seit der Eröffnung im Herbst 2018 im Ausmaß von 20 Stunden im hdgö. Für die studierte Romanistin, die davor viel Erfahrung im Kultur- und Pressebereich gesammelt hat, stand 2016 eine „Umorientierung“ an, wie sie erzählt. Nach ihrem Masterstudium für Ausstellungstheorie & -praxis zog es die dreifache Mutter in die Museumsarbeit. Wie ihre Kollegen verfügt sie über einen theoretischen Hintergrund, der während der Museumsschließungen noch stärker als sonst zum Tragen kam.

Da sie am hdgö - wie alle Kolleginnen und Kollegen in der Vermittlung - fix angestellt ist, musste sie während der beiden Lockdowns nicht um ihre Existenzgrundlage fürchten. Vielmehr habe sie die Zeit nutzen können, um die neu adaptierte Dauerausstellung mitzugestalten, Recherchen durchzuführen und neue Formate zu konzipieren. Dennoch habe in dieser Zeit ein gewisser Legitimierungsdruck geherrscht, wie sie im APA-Gespräch erzählt. „Von der ÖNB-Generaldirektion kam als erste Frage, was die Kulturvermittler nun machen, wenn Führungen und Workshops nicht möglich sind“, so Plessing. Daher sei es besonders wichtig gewesen, Arbeitsschritte transparent zu kommunizieren.

„Unsere Arbeit besteht ja auch sonst nicht nur aus Workshops, sondern auch aus Theorie, Austausch und Recherche. Es ist als Team schon das Gefühl da, dass wir zeigen müssen, was wir tun. Man will wissen, was die Menschen im Lockdown machen, wenn es keine sichtbaren Ergebnisse gibt.“ Eines dieser sichtbaren Ergebnisse, das unter anderem dem Vermittlerteam zu verdanken ist, sind drei Audioguides, die so sonst wahrscheinlich nicht entstanden wären.

Finanziell wäre es für Plessing zwar besser, Stunden aufzustocken, doch aufgrund ihrer Betreuungspflichten hat sie „derzeit keinen Bedarf nach weiteren Jobs“, so die Vermittlerin, die viel Arbeitszeit in die frühen Morgenstunden und den späten Abend verlegen musste. Für ihre Berufssparte wünscht sie sich jedenfalls „mehr Sichtbarkeit“. Strukturen müssten aufgebrochen werden, um der Vermittlung „den Raum zu geben, der notwendig ist“. Da das hdgö ein junges Museum ist, sei es für Direktorin Monika Sommer wichtig gewesen, der Vermittlung von Anfang an einen hohen Stellenwert zu geben, was sich auch in den Anstellungen zeige. „Sie hat auch sehr darum gekämpft, dass wir nicht in Kurzarbeit gehen“, so Plessing.

Ihr Kollege Stefan Riedl ist im hdgö nur geringfügig angestellt. Er hat erst Anfang des Jahres seinen Büro-Job an den Nagel gehängt, um sich als Fremdenführer selbstständig zu machen. „Wahrscheinlich nicht das beste Timing“, lacht der Historiker, dem seine Anstellung im hdgö derzeit die einzige Sicherheit bietet. Wie auch seine Kollegen hat er sich im Lockdown der konzeptionellen Arbeit gewidmet, sowohl am hdgö als auch im Heeresgeschichtlichen Museum (HGM), wo er auf Honorarbasis arbeitet.

).

Auch der Geschichte-Student Sebastian Dallinger hat sich mehrere Standbeine aufgebaut. Neben seiner geringfügigen Tätigkeit am hdgö ist er auch geringfügig beim Verein Gedenkdienst angestellt. Die zusätzlich abgerechneten Studienreisen zu Gedenkstätten, die er früher durchgeführt hat, fielen allerdings Corona zum Opfer. Um Unterstützung angesucht habe er aber nicht, da die Honorare für ihn bisher „eine Art Bonus waren, um mir zusätzliche Dinge leisten zu können“. Zwar freut er sich, dass sich die Vermittlung „neu erfinden“ musste und vertiefende Arbeit geleistet wurde, allerdings habe dies auch eine hohe zeitliche Flexibilität erfordert - auch was die Erreichbarkeit betrifft -, zudem seien die Hierarchien im Museum deutlicher geworden.

„Das ganze Homeoffice ist ein zweischneidiges Schwert“, so Dallinger. „Längerfristig würde es dem Museum guttun“, ist er überzeugt. Ohne die gewonnene Zeit während der beiden Lockdowns gäbe es sonst etwa keine Audioguides. Er selbst habe sich in die Themen Umweltgeschichte und Armut eingearbeitet. „Gleichzeitig hat es was Unbefriedigendes hinterlassen, weil ich immer vor Augen hatte, dass man mit der geringfügigen Anstellung wenig Zeit hat.“ Auch glaubt er, „dass es für das Glücksgefühl und die Produktivität nicht gut ist, wenn man keinen fixen Rhythmus im Arbeitsalltag hat. Als Mensch ist man ein Strukturen-Tier, und Gewohnheiten erleichtern vieles.“

Wichtig ist ihm zu betonen, dass Vermittlung „nichts Simples ist, ganz im Gegenteil. Sie sollte auch nicht mehr oder weniger wert sein als andere Arbeit.“ Dennoch werde die Vermittlung „im Vergleich abgewertet“, ihr Stellenwert sei auf verschiedenen Ebenen sehr schlecht. „Daran sind wir zu einem gewissen Grad selbst schuld, weil wir nicht gewerkschaftlich organisiert sind, aber auch so nicht.“ Die Fluktuation sei nicht zuletzt aufgrund der Arbeitsbedingungen sehr hoch. Wie im hdgö zu sehen sei, führen Anstellungen dazu, die Menschen längerfristig ans Haus zu binden, was im Endeffekt auch der Qualität zugutekomme. „Man hat einfach einen anderen Einblick in die den Betrieb und hat mehr Möglichkeiten zur Mitgestaltung, wenn man ins Team integriert ist.“

(Die Gespräche führte Sonja Harter/APA)

)


Kommentieren


Schlagworte