Tiroler Designer Zschiegner: „Visualisierung von Daten ist immer Manipulation“

Wie lässt sich die Krise darstellen? Der Tiroler Hermann Zschiegner visualisiert in seinem Designstudio Daten zur Pandemie oder zur US-Wahl.

Künstlerische Interpretation: Das berühmte Times-Titelblatt vom 29. Mai 2020 mit 1000 Sterbeanzeigen vervollständigte Zschiegner mit einer Grafik aus 100.000 Linien. Daraus entstand eine Virusform.
© Zschiegner

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Wenn Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) dieser Tage den Raum zur Pressekonferenz betritt, dann selten mit leeren Händen. Fast immer begleiten ihn Schilder mit Kurven, Graphen oder Diagrammen. Sie zeigen, wie stark die Infektionszahlen steigen, womit Prognosen rechnen, wann Überlastung droht. Ein abstraktes Thema wie die Pandemie muss bebildert werden, um präsent zu bleiben – das weiß neben Anschober auch Hermann Zschiegner, Tiroler Architekt und Designer, der seit 20 Jahren in den USA lebt. In seinem Designstudio kümmert er sich in vielfältigen Projekten derzeit um die Visualisierung von unterschiedlichen Krisen. Im Rahmen einer virtuellen Veranstaltung des Innsbrucker Designforums WEI SRAUM stellt er morgen (19 Uhr) seine neuesten Arbeiten vor.

„Unsere Aufgabe als Grafiker und der Medien ist es, die Krise mit Visualisierungen greifbar zu machen“, erklärt Zschiegner der TT im Vorabgespräch. Das sei aktuell in Europa eine größere Herausforderung als in den USA, so der Designer. In New York, wo Zschiegner seit 2006 das Studio „Two-N Data Experiences“ betreibt, sei die Bevölkerung nach einem harten Frühling derzeit äußerst diszipliniert, was den Umgang mit der Pandemie angeht. Die meisten arbeiten von daheim aus – sofern es möglich ist. Wer und wie viele dennoch unterwegs sind, das hat Two-N im Auftrag der New Yorker Verkehrsbetriebe MTA untersucht und visualisiert: Bis zum Frühjahr sank die wöchentliche Auslastung auf unter 10 Prozent. Und dennoch: In New York City waren in den Monaten März, April durchschnittlich 2,4 Mio. pro Woche unterwegs: Pflegepersonal, Angestellte im Handel, Frauen und generell die untere Schicht nutzten Öffis und mussten sich damit weiterhin der Gefahr einer Ansteckung stellen.

„Unsere Aufgabe als Grafiker und der Medien ist es, die Krise greifbar zu machen.“ – Hermann Zschiegner 
(Creative Director von Two-N)
© zschiegner

Der soziale Aspekt sei einer von vielen in dieser Krise, so Zschiegner. Ein vollständiges, objektives Bild könne er mit seiner Arbeit derzeit nur schwer liefern. Medien müssten deshalb auch kommunizieren, dass Datensätze immer unvollständig sind. „Absolute Objektivität“ ist laut Zschiegner nicht möglich. Selbst das Datensammeln sei subjektiv. „Das Visualisieren von Daten ist immer auch Manipulation der Daten“, erklärt er. Er rät deshalb zu gesunder Skepsis gegenüber von Daten. Die Krise unterschätzen will er damit nicht: Aktuelle Werte wie Sterblichkeitsraten zeigten, „die Krise ist eine extreme“, stellt Zschiegner klar.

Skepsis gegenüber von Datensätzen sei auch deshalb nötig, weil Ergebnisse immer wieder missbraucht würden. Zschiegner: „Auch rechte Medien wie Breitbart untermauern Thesen mit wissenschaftlichen Datenvisualisierungen“, meint Zschiegner. Auch der noch amtierende US-Präsident Donald Trump manipuliere bewusst. Man erinnere sich an seine „alternative“ Hurrikan-Vorhersage von 2019: Trump hatte auf einer Infografik per Hand den Verlauf von Hurrikan „Dorian“ geändert und einen bizarren Streit über die Sturmwarnung der Behörden angezettelt. Manipulationen gab es auch im Rahmen der US-Wahlen, so Zschiegner.

Online-Talk

„Flattening the Curve. Data Visualization in Times of Crisis“, morgen ab 19 Uhr auf der Facebookseite des WEI SRAUM live.

In der Wahlberichterstattung nimmt der Tiroler einen Trend hin zum Gebrauch von „interaktiver Infografik“ wahr – besonders in europäischen TV-Stationen. In „virtuellen Studios“ mit fliegenden Balkendiagrammen und Graphen, die über interaktiven Karten schweben, werden Ergebnisse „zeitgenössisch vermittelt“, erklärt Zschiegner. Damit arbeitete auch der ORF, etwa im Rahmen der Berichterstattung zur Nationalratswahl 2019.

Bei US-Sendern erkennt der Designer anlässlich der aktuellen Präsidentschafts- und Senatswahlen hingegen eine Art Gegenbewegung: Für den US-Sender MSNBC gestaltete Zschiegners Studio etwa ein „Big Board“, ein Tool für den Nachrichtenmoderator, das in Echtzeit Daten verarbeitet. „Wie eine Art Lehrer stand Steve Kornacki in der Wahlnacht im Studio und informierte das Publikum stundenlang vor der Tafel, die wir für ihn entwarfen. Darauf interpretierte er Ergebnisse, indem er darauf schrieb oder Vergleichswerte aufrief“, erklärt Zschiegner. Und weiter: „Er erzählt Geschichte in Echtzeit.“ Schon 2018 setzte MSNBC auf das „Big Board“ und damit auf menschenna­hes, interaktives Storytelling mit nur einem „Anchorman“.

Entwickelt wurde das Tool in Zusammenarbeit mit dem Sender, Programmierern und Grafikern, erklärt Zschiegner. Auch sein Team versammle Kreative aus unterschiedlichen Disziplinen. Der Tiroler selbst kommt aus der Architektur. Wie er schließlich bei der Datenvisualisierung landete? Zschiegner: „Auch der Architekt baut seine Entwürfe nicht selbst. Es geht um das Visualisieren einer Idee. Oder wie bei mir um das Visualisieren einer Geschichte.“


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