Corona-Impfungen in Großbritannien angelaufen

Eine 90 Jahre alte Frau hat am Dienstag die erste Corona-Impfung in Großbritannien erhalten. Margaret „Maggie“ Keenan wurde im Universitätskrankenhaus in Coventry geimpft, wie der britische Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) mitteilte. Großbritannien hatte vergangene Woche als erstes Land der Welt dem Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech und seinem US-Partner Pfizer eine Notfallzulassung für deren Corona-Impfstoff erteilt.

Noch in diesem Jahr sollen vier Millionen Impfdosen in dem Land eintreffen - insgesamt hat London 40 Millionen Impfdosen von Pfizer bestellt. Mehrere hundert Millionen weitere werden von anderen Impfherstellern erwartet, deren Präparate bisher noch nicht zugelassen sind. In China und Russland sind bereits Produkte dort heimischer Hersteller im Einsatz.

Pfizer versicherte, dass trotz der ungewöhnlich raschen Herstellung von Corona-Impfstoffen keine notwendigen Sicherheitsstandards übersprungen worden seien. Mit Blick auf den Impfstoff von Pfizer und dem Mainzer Unternehmen Biontech, mit dem seit Dienstag in Großbritannien flächendeckend geimpft wird, sagte Pfizer-Chef Albert Bourla: „Wir haben keine Abkürzung genommen.“

Er verstehe die Bedenken angesichts der Geschwindigkeit, mit der Impfstoffe gegen das neuartige Coronavirus entwickelt worden seien. Der Impfstoff von Biontech und Pfizer sei dennoch sicher und effektiv, versicherte Bourla auf einer Online-Konferenz des Internationalen Pharma-Verbandes IFPMA. Der Biontech-Pfizer-Impfstoff sei auf „genau die gleiche Weise getestet“ worden, „wie wir jeden anderen Impfstoff testen, der im Umlauf ist“.

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Impfstoff-Skeptiker habe es schon immer gegeben, sagte Bourla. Er könne sich aber vorstellen, dass die Skepsis durch die „Politisierung“ des Themas, besonders in den USA, zugenommen habe.

Wer sich nicht impfen lasse, mache sich selbst zum schwächsten Glied der Kette, mahnte Bourla. Er könne die Gesundheit anderer und insbesondere seiner nächsten Angehörigen gefährden.

Bewohner von Pflegeheimen, medizinisches Personal, alte und gesundheitlich gefährdete Menschen sollen in Großbritannien als erste geimpft werden. Es handelt sich nach Regierungsangaben um die größte Impfkampagne in der Geschichte Großbritanniens.

„Ich fühle mich so privilegiert, die erste Person zu sein, die gegen Covid-19 geimpft wird“, sagte Keenan, die von Freunden nur „Maggie“ genannt wird, der Mitteilung zufolge. In drei Wochen soll die ehemalige Mitarbeiterin eines Juwelier-Geschäfts eine zweite Injektion erhalten. Für den vollen Impfschutz werden zwei Dosen pro Person benötigt.

Sie freue sich darauf, im neuen Jahr Zeit mit ihrer Familie und Freunden zu verbringen, nachdem sie im laufenden Jahr meistens alleine gewesen sei. Ihre Landsleute rief „Maggie“ dazu auf, sich ebenfalls impfen zu lassen: „Wenn ich sie mit 90 bekommen kann, können Sie es auch.“

Als zweiter soll in der Uni-Klinik in Coventry ein Mann namens William Shakespeare an die Reihe gekommen sein, wie ein BBC-Reporter auf Twitter berichtete. Der 81-Jährige komme wie sein berühmter Namensvetter aus der Grafschaft Warwickshire.

Premierminister Boris Johnson lobte den Start flächendeckender Corona-Impfungen in seinem Land als „riesigen Schritt vorwärts“. „Ich bin sehr stolz auf die Wissenschafter, die den Impfstoff entwickelt haben, auf Bürgerinnen und Bürger, die an den Versuchen teilgenommen haben, und auf den NHS, der unermüdlich die Auslieferung vorbereitet hat“, sagte Johnson.

Die logistische Herausforderung ist groß, weil das Mittel auf minus 70 Grad Celsius gekühlt werden muss. Die britische Regierung will Medienberichten zufolge das in Belgien produzierte Präparat notfalls mit Militärflugzeugen einfliegen, damit es nicht im befürchteten Brexit-Verkehrschaos stecken bleibt.

Großbritannien ist eines der am stärksten von Corona betroffenen Länder in Europa. Am Montag meldete die Regierung 14.718 weitere Corona-Fälle, 189 Menschen seien innerhalb von 28 Tagen nach einem Positivtest gestorben. Insgesamt gab es bisher etwa 77.000 Todesfälle, die mit Covid-19 in Verbindung stehen. Johnson betonte, die Massenimpfung werde einige Zeit dauern. Deshalb müssten weiterhin alle Hygieneregeln eingehalten werden.

In Israel will unterdessen eine der größten Kliniken des Landes ebenfalls umgehend mit Impfungen gegen das Coronavirus beginnen. Das Gesundheitsministerium habe bereits die Erlaubnis erteilt, sagte ein Sprecher des Ichilov-Krankenhauses am Dienstag in Tel Aviv. Vom Ministerium selbst gab es zunächst keine Bestätigung. Nach Medienberichten könnten die ersten Impfstoffdosen des Herstellers Pfizer am Mittwoch eintreffen.

Bisher hatte es geheißen, Israel warte die Entscheidung über Notfallzulassungen von Impfstoffen durch die US-Arzneimittelbehörde FDA ab. Damit wird Mitte Dezember gerechnet.

In dem Neun-Millionen-Einwohner-Land Israel hatten die Infektionszahlen nach einem vergleichsweise milden Pandemie-Beginn im Sommer massiv zugenommen. Als Grund gelten unter anderem verfrühte Lockerungen. Mitte September verhängte die Regierung einen zweiten Lockdown. Die Neuinfektionszahlen sanken von mehr als 9.000 auf zeitweise nur noch knapp mehr als 200. Seit Mitte Oktober setzt die Regierung schrittweise Lockerungen um. Zuletzt nahmen die Zahlen jedoch wieder zu. Deshalb gelten von Mittwoch an nächtliche Ausgangsbeschränkungen.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA stufte unterdessen den Corona-Impfstoff der Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer als sicher ein. In einem am Dienstag vorgelegten Bericht schreibt die Behörde, aus den Daten von 38.000 Teilnehmern an klinischen Studien hätten sich „keine besonderen Sicherheitsbedenken“ ergeben, die einer Notfallzulassung entgegenstehen würden.

Biontech und Pfizer haben bei der FDA einen Antrag auf eine Notfallzulassung ihres Impfstoffes eingereicht. Am Donnerstag tagt der beratende Ausschuss der FDA, um über eine Notfallzulassung zu entscheiden.

Die Erklärung legt nun nahe, dass die Aufsichtsbehörde dazu neigt, grünes Licht für den Biontech-Pfizer-Impfstoffkandidaten zu geben. Dieser wird bereits seit Dienstag in Großbritannien flächendeckend eingesetzt.


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