Schneeschäden in Osttirol: Schuften, bis der Strom wieder fließt

Schneewalzen, Baumstürze und wiederkehrende Schäden: Für die 70 Tinetz-Männer, die in Osttirol das Stromnetz reparieren, ist das Alltag.

Im Villgrater Winkeltal ist eine 25-kV-Leitung kaputt. Die Tinetz-Mitarbeiter bereiten die neue Isolierleitung auf der Kabeltrommel als Ersatz vor.
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Von Catharina Oblasser

Lienz, Huben, Villgratental – Freitag, 8.30 Uhr: Die Transalpine Ölleitung ist wieder funktionsfähig, der Rohöltransport von Triest nach Deutschland kann weiterlaufen. Die Tinetz-Männer, die in Huben (Gemeinde Matrei i. O.) bei der reparierten 110-kV-Leitung stehen, sehen erleichtert aus.

Wenigstens war dieser Einsatzort gut zu erreichen, ansonsten hätte sich die Gelegenheit für einen Lokalaugenschein der TT nicht ergeben. „Viele unserer Baustellen sind im hochalpinen, manchmal lawinengefährdeten Gelände und nur nach längerem Fußmarsch zu erreichen“, informiert Tinetz-Mitarbeiter Markus Fuchs, der an diesem Tag als Reisebegleiter fungiert. Viel zu gefährlich also, als dass „Zivilisten“ mitgenommen würden.

Die Schäden, die der schwere Schneefall am ersten Dezemberwochenende am Osttiroler Stromnetz angerichtet hat, sind zahlreich: da ein Baum, der eine Leitung gekappt hat, dort ein Leiterseil, das unter der Belastung gerissen ist. Manchmal sind es Niederspannungsleitungen, die nur einige Häuser versorgen, dann wieder Hauptleitungen, an denen ein ganzer Weiler hängt.

Ein Beispiel für rasche Überbrückungshilfe steht ebenfalls in Huben, einige Kilometer weiter: Es ist ein Gestänge, das aus zusammensetzbaren Bauteilen besteht. Er dient als Provisorium, bis der ursprüngliche Mast wieder repariert ist.

Gefährlich sind die so genannten Schneewalzen, die sich um die Leitungen winden.
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Nächste Station: das Osttiroler Oberland. Schon auf dem Weg dorthin entdeckt das geschulte Auge von Markus Fuchs neue Schäden, die behoben werden müssen. Denn obwohl es seit einigen Tagen nicht mehr schneit, ist die Gefahr nicht gebannt. Ein Baumwipfel nach dem anderen neigt sich, schwer mit Schnee beladen, zur Seite. Wenn die Last zu schwer wird, kippt er um – im schlechtesten Fall auf eine Leitung oder einen Strommast.

Die Leitungen selbst können von den so genannten Schneewalzen zu Fall gebracht werden. Dabei weben die Schneekristalle eine immer dickere Hülle um das Seil, bis dieses reißt. Das kann nicht nur einmal passieren, sondern mehrmals. Auch bereits reparierte Anlagen werden manchmal ein zweites Mal kaputt – oder ein drittes Mal.

Fahrbare Notstromgeneratoren liefern Energie, bis die Leitungen repariert sind.
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Im Außervillgrater Ortsteil Außerunterwalden steht einer von vielen Notstromgeneratoren. Groß wie ein Lkw-Anhänger, erzeugt das Gerät direkt vor Ort Energie. Über eine Trafostation kann diese ins Netz eingespeist werden, wenn die normale Stromzufuhr nicht funktioniert. Dafür braucht es freilich genug Treibstoff. Deshalb ist ungefähr zur selben Zeit ein Tankwagen in Richtung Obertilliach unterwegs, um dort ein Depot anzulegen. Eine Vorsichtsmaßnahme, falls die Straßenzufahrt wieder durch Lawinen unpassierbar werden sollte.

Währenddessen ist ein Tinetz-Fahrzeug bei einem Haus in Außerunterwalden angelangt. Die Niederspannungsleitung ist gerissen und muss ausgetauscht werden. Über eine Leiter steigt der Monteur auf das Dach und entfernt die beschädigten Kabel. Erst danach kann die neue Leitung angebracht werden.

Bei einem Haus in Außervillgraten ist eine Niederspannungsleitung gerissen. Sie muss ausgetauscht werden.
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Ein ähnliches Problem gibt es im Villgrater Winkeltal. Ein schwer beladener Unimog trifft ein und bringt eine Trommel mit Stahlseilen, die eine beschädigte 25.000-Volt-Leitung ersetzen sollen. Der Tinetz-Trupp lädt die schwere Trommel vorsichtig ab, und bei näherem Hinhören erweisen sich nicht alle Männer des Bautrupps als Einheimische. Auch Nordtiroler Mundart ist dabei. Für den Großeinsatz im Bezirk Lienz musste Verstärkung aus St. Johann, Zirl, Thaur und anderen Orten geholt werden, sonst wäre die Arbeit nicht zu bewältigen. Manchmal treffen sich auch alte Bekannte wieder, denn viele Nordtiroler Kollegen kennen Osttirol schon vom letzten oder vorletzten großen Schnee. Insgesamt sind etwa 70 Tinetz-Männer zeitgleich im Einsatz, dazu kommen Arbeiter von externen Firmen.

So wie im Villgratental sieht es auch anderswo aus: ein gerissenes Stromkabel, ein geknickter Dachständer, ein umgestürzter Mast – und das flächendeckend. Mögen die Schäden im Einzelnen auch klein sein, die Auswirkungen sind immer die gleichen: kein Strom. Nicht nur die harte Arbeit ist für die Männer eine Herausforderung, sondern auch die Motivation, meint Markus Fuchs. „Es ist schon frustrierend, wenn alles, was man an einem Tag repariert, am nächsten Tag wieder kaputt ist.“ Da heißt es durchhalten. So lange, bis auch das letzte Haus wieder am Netz hängt.


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