Neues Album von Taylor Swift: Schwester aus dem Unterholz

Fünf Monate nach ihrem Album „Folklore“ veröffentlicht Pop-Superstar Taylor Swift neue Musik. Mit „Evermore“ dringt der Hörer noch tiefer in den folkloristischen Wald ein.

Funktioniert glitzerlos: Taylor Swift legt nach der LP „Folklore“ mit der Fortsetzung „Evermore“ nach.
© Universal Music

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Wenn sich ihr Sommeralbum schon nach Herbst anfühlte, was fühlen beim aktuellen? Ja, Taylor Swift hat es schon wieder getan. Ohn­e Vorankündigung, einfach so, neue Musik veröffentlicht. Oder in den Worten des Popstars: Ihr zuletzt erschienenes Album „Folklore“ hat ein Schwesterchen bekommen. „Evermore“, ihr nunmehr neuntes Studioalbum, hat gestern das Licht der Welt erblickt. Und, so viel sei schon mal vorweggenommen, ein fröhliches Kind ist „Evermor­e“ nicht.

Die Platte kommt nach ihrem Schwesteralbum, es ist ruhiger Indiepop, mitunter sogar düster, instrumental reduziert und dennoch für den Mainstream-Markt konzipiert. Taylor Swift spielt alle Stücke: im Countrypop aufgewachsen, auf die große Bühne gewechselt und sich von Quietschpop und Glitzerregen wieder freigemacht. Im 2020 feiert auch das Feuilleton Taylor Swift.

Mit einem einfachen „Wir konnten nicht aufhören zu schreiben“, erklärt Swift ihren 141 Mio. Instagram-Fans, warum sie nach fünf Monaten schon wieder neue Musik am Start hat. Oder poetischer: Sie hatten am Eingang eines „folkloristischen Waldes“ gestanden und mussten sich entscheiden, ob zurück oder tiefer hinein ins Unterholz. Sie, damit meint die Musikerin übrigens Aaron Dessner (Gitarrist von The National) oder Wunderwuzzi Justin Vernon alias Bon Iver. Beide lotsten Swift von der Showbühne in authentischere Folk-Gefilde. Und entschieden mit: So kann es in 16 neuen Songs weitergehen.

Mit dabei ist auch das Schwesterntrio Haim, das auf „Evermore“ „No Body, no Crime“ mitverantwortet, ein­e böse Rachegeschichte, die schwer nach 2000er riecht und klingt. Zeitgenössischer sind da der Opener „Willow“ und die tempomachenden „Gold Rush“ und „Long Story Short“. Der unterschwellige Beat verrät bereits, daraus hätte eine große Pop-Nummer wachsen können. Hätte! Aber selbst ein Popstar hat 2020 keinen Grund zum Feiern.

Stattdessen zaubert Swift 16 beliebige, aber nie abgegriffene Melodien. Besonders „Champagne Problems“, „Willow“ oder „’Tis the Damn Season“ gehen sofort ins Ohr – und gar nicht mehr raus. Gegen Ende der Platte franst das Mainstream-Konzept zwar etwas aus, die wirklichen Überraschungen – allen voran das titelgebende, enorm dichte „Evermore“ (mit Bon Iver) – finden sich aber genau dort.

Irgendwie beliebig, dennoch nicht durchdekliniert sind auch die Themen, die Taylor in 16 Songs besingt. Für die großen Gefühle finden sich (noch immer) neue Worte. Die Ichs sind vielfältig, geknickte, aber nicht gebrochene Egos in „Closure“, überhebliche Dus in „Champagne Problems“. Nur die Perspektive ist trotz aller Individualität uramerikanisch: eine, in der „Coney Island“ Sehnsuchtsort bleibt und der „Cowboy Like Me“ ungezähmt.

Insgesamt ist „Evermore“ eine konsequente Weiterführung von „Folklore“, eben keine B-Seite, sondern die nette, vielleicht nicht ganz so konsequente Schwester aus dem Unterholz. Swift ist 2020 auf dem richtigen Weg, mitten in diesen dunklen Wald hinein.

Pop/Folk: Taylor Swift: Evermore. Universa­l Music


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