Corona-Antikörperstudie: 4,7 Prozent bis Oktober infiziert

Mit rund 349.000 Personen bzw. 4,7 Prozent der Bevölkerung, die laut der ersten österreichweiten SARS-CoV-2-Antikörperstudie bis Mitte bzw. Ende Oktober schon eine Covid-19-Infektion durchgemacht haben, ist eine auf natürlichem Weg erreichte Herdenimmunität weit entfernt. Das wurde bei der Studienpräsentation am Freitag betont. Auch wenn dieser Wert mittlerweile höher ist, bezeichnete Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) ein Warten auf die Herdenimmunität als „Illusion“.

Zwischen dem 12. bis 14. November wurde im Rahmen der vom Bildungsministerium in Auftrag gegebenen, von Statistik Austria in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und der Medizinischen Universität Wien durchgeführten repräsentativen „Covid-19 Prävalenzstudie“ 2.229 Personen über 16 Jahren Blut abgenommen, um die sogenannte Seroprävalenz zu bestimmen. Gegen eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus schützende, neutralisierende Antikörper wurden in insgesamt 92 Proben festgestellt. Da man davon ausgeht, dass es zur Bildung einer derartigen Immunantwort um die drei Wochen dauert, spiegelt dieser Wert also den Stand um Mitte bzw. Ende Oktober wieder.

Es sei natürlich davon auszugehen, dass die nun gefundene „niedrige Seroprävalenz“ aufgrund der zum Zeitpunkt der Untersuchung sowie danach weiter hohen Infektionszahlen weiter angestiegen ist, so Faßmann im Rahmen einer Online-Pressekonferenz. Von einer vielfach erhofften Herdenimmunität, die der Virusverbreitung auf natürlichem Weg Einhalt gebieten würde, sei man aber mit 4,7 Prozent oder etwas darüber „noch weit entfernt“, konstatierte auch der an der groß angelegten Studie beteiligte Virologe Lukas Weseslindtner. Dazu bräuchte es eine Durchseuchungsrate von 60 bis 70 Prozent, so der Laborleiter der Serodiagnostik an der Medizinischen Universität Wien.

Bei der momentanen Entwicklung würde es Jahre dauern, bis dieser Wert erreicht sei. Bis dahin wären „viele Tausend Tote“ zu beklagen. Es sei „moralisch undenkbar, das Virus ungebremst zirkulieren zu lassen“ und brauche daher den Eingriff in das Infektionsgeschehen mit einer „sicheren Impfung“, sagte Weseslindtner. Auch für Faßmann kann „der Weg aus Pandemie nur über eine Impfung erfolgen“, dann werde sich die Risikosituation in der Gesellschaft verändern.

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Der Minister rief am Freitag abermals zum Mitmachen bei den aktuellen Massentests auf. Auch die Seroprävalenz-Studie habe gezeigt, wie viele Menschen von einer Covid-19-Infektion mitunter kaum etwas bzw. gar nichts bemerken. Neben der Hochrechnung, dass seit Pandemiebeginn in etwa 349.000 Menschen in österreichischen Privathaushalten die Erkrankung durchgemacht haben - die statistische Schwankungsbreite liegt zwischen 282.000 und 420.000 betroffenen Personen - offenbarte sich auch eine relativ hohe Dunkelziffer.

Unter den positiv auf Antikörper getesteten Personen waren 61 Prozent vorher nicht im Epidemiologischen Meldesystems (EMS) registriert gewesen. 26 dieser 57 Studienteilnehmer berichteten über nur ein oder gar kein Covid-19-Symptom, der Großteil ging auch davon aus, nicht oder nur sehr unwahrscheinlich infiziert gewesen zu sei.

Das zeige abermals, dass das „Virus relativ unbemerkt an einigen Personen vorbeigezogen“ ist, sagte die Studien-Projektleiterin bei Statistik Austria, Matea Paskvan. Die Beantwortung der Fragebögen habe gezeigt, dass eben viele Fälle „sehr symptomarm“ verliefen. Auch wenn damit nicht gesagt ist, dass diese Personen als „Superspreader“ fungieren, gehe von ihnen eine Ansteckungsgefahr aus, so der Experten-Tenor.

Im Zuge der mit mehreren Antikörper-Testverfahren - inklusive Neutralisationstests bei positiven Ergebnissen - akribisch durchgeführten Studie hat sich überdies gezeigt, dass bei nahezu allen im EMS gemeldeten Fällen auch neutralisierende Antikörper gefunden wurden, sagte Paskvan. Das war auch bei Personen so, die relativ milde Infektionen nachweislich bereits vor rund acht Monaten durchgemacht hatten.

Aus dem Vorhandensein der gezielt gegen das SARS-CoV-2-Virus gerichteten Antikörper lasse sich auch auf Immunität schließen, sagte Weseslindtner. Es habe sich zwar bei länger zurückliegenden Infektionen eine gewisse Abnahme gezeigt, ebenso hatten Menschen mit eher mildem Verlauf weniger Antikörper. Diese Werte seien aber im erwartbaren Bereich gelegen.

In der bundesweiten Antikörperstudien-Premiere, die im Zuge der insgesamt vierten Prävalenzstudie zur Abschätzung der aktuell Infizierten durchgeführt wurde (Dunkelzifferstudie), ergab sich überdies ein West-Ost-Gefälle bei den bereits durchgemachten Infektionen. So lag die Seroprävalenz in Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Oberösterreich mit 5,7 Prozent über dem für Wien, Niederösterreich und das Burgenland errechneten Wert von 3,8 Prozent. Für Kärnten und die Steiermark wurde fünf Prozent als wahrscheinlichster Wert ermittelt.

Zum Vergleich: Bereits Ende April wurde eine deutlich kleinere Antikörperstudie bei knapp 300 Personen aus 27 ausgewählten Gemeinden mit hohem Anteil an positiven Corona-Tests durchgeführt. Damals wiesen dort im Schnitt 4,71 Prozent Antikörper auf.

Nachdem die ersten Ergebnisse der aktuellen österreichweiten Dunkelzifferschätzung bereits Ende November vorgestellt wurden, lagen am Freitag auch die durch EMS-Daten validierten, überarbeiteten Werte vor. Demnach waren zwischen 12. und 14. November hochgerechnet 233.000 Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert. Das bedeutet nur eine kleine Veränderung gegenüber jenen 228.000 Personen, die die erste Auswertung der vierten Prävalenzstudie ergab.


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