„Literarischer Gigant": Bestseller-Autor und Ex-Spion John le Carré gestorben

Mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ schaffte John le Carré 1963 den Durchbruch. Er galt als scharfer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen. Nun ist der britische Autor intelligenter Spionageliteratur im Alter von 89 Jahren gestorben.

Der für seine Spionagethriller bekannte britische Schriftsteller starb am Samstag an einer Lungenentzündung.
© AFP/Leal-Olivas

London – Mit Trauer und Bestürzung hat die literarische Welt auf den Tod von John le Carré reagiert. Der weltberühmte Bestseller-Autor starb im Alter von 89 Jahren, teilte der Verlag Penguin Books am Sonntagabend mit. Le Carré, der mit bürgerlichem Namen David Cornwell hieß, war am besten für seine Spionage-Romane bekannt. Er starb bereits am Samstag nach kurzer Krankheit an einer nicht coronabedingten Lungenentzündung, wie seine Familie mitteilte. Er hinterlässt seine Frau und vier Söhne. Zuletzt lebte er in Cornwall.

📽️ Video | John le Carré gestorben

Der US-Autor Stephen King würdigte le Carré auf Twitter als „literarischen Giganten und humanitären Geist“. Als „einen der großen britischen Schriftsteller der Nachkriegszeit“ bezeichnete ihn Roman-Autor Robert Harris im Gespräch mit dem Nachrichtensender Sky News.

Die kanadische Schriftstellerin und Booker-Preis-Trägerin Margaret Atwood zeigte sich „sehr betrübt" und lobte le Carres Bücher als „Schlüssel zum Verständnis der Mitte des 20. Jahrhunderts".

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen

Le Carré, der mit bürgerlichem Namen David Cornwell hieß, galt auch als scharfer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen, der sich häufig zum Weltgeschehen äußerte. Mit deutlichen Worten kritisierte er den Irak-Krieg im Jahr 2003, die populistischen Bewegungen in Polen und Ungarn und die Politik von US-Präsident Donald Trump. Auch gegen die britische Regierung sparte er nicht mit Kritik.

Geboren wurde le Carré am 19. Oktober 1931 in der südenglischen Grafschaft Dorset. Geheimnisse, Verrat und Lügen durchzogen sein familiäres Umfeld. Das waren auch die Themen, die er in seinem literarischen Werk verarbeiten sollte. Seine Mutter verließ die Familie, als er fünf Jahre alt war. Sein Vater war ein Hochstapler, der zwischen erschwindeltem Reichtum und dem Gefängnis pendelte. Mit ihm setzte sich le Carré in vielen Büchern auseinander, wie zum Beispiel in „Ein blendender Spion“ (1986).

Kalter Krieg zunächst Hauptthema seines Werks

Le Carré studierte Germanistik in Oxford und Bern und arbeitete nach kurzer Tätigkeit als Lehrer am Eliteinternat Eton schließlich als Agent für den britischen Geheimdienst. Er wurde zuerst im Inland eingesetzt, war aber später auch als Diplomat in Bonn und Hamburg tätig. Währenddessen fing er an zu schreiben; mit seinem dritten Roman - „Der Spion, der aus der Kälte kam" – schaffte er den Durchbruch. Er wurde bekannt für seine intelligenten und spannungsgeladenen Spionageromane, die sich vor allem um den Kalten Krieg drehten.

Gut und Böse verschmolzen miteinander, die Agenten waren keine Helden, sondern Menschen mit Stärken und Schwächen. Ein zentraler Charakter war der desillusionierte Meisterspion George Smiley, der von seiner Frau betrogen wurde und an der skrupellosen Realität seiner Branche litt. Seinen bekanntesten Auftritt hatte Smiley im Bestseller „Dame, König, As, Spion“ (1974), der 2011 mit Gary Oldman neu verfilmt wurde.

Der Fall des Eisernen Vorhangs veränderte le Carrés Blickwinkel: Seine Bücher handelten nun von Waffenhandel, Machenschaften von Pharmakonzernen, dem Krieg gegen den Terror oder der russischen Mafia. Der Ullstein Verlag, in dem le Carrés Bücher auf Deutsch erschienen, bezeichnete ihn als „anerkannten Chronisten des Kalten Krieges." Doch auch nach dessen Ende habe le Carre „immer wieder den Nerv der Zeit getroffen".

Letzter Roman unter Eindruck von Brexit

Seinen letzten Roman „Federball“ (Agent Running in the Field), der 2019 erschien, schrieb er unter dem Eindruck des Votums der Briten zum EU-Austritt. Er handelt von jungen Menschen, die sich in ihrem Land nicht mehr vertreten fühlen. Ein Gefühl, das der entschiedene Brexit-Gegner le Carré selbst empfand. „Ich glaube meine eigenen Verbindungen zu England haben sich in den letzten paar Jahren sehr stark gelöst“, sagte er dem Guardian.

Noch Anfang dieses Jahres wurde le Carré mit dem schwedischen Olof-Palme-Preis ausgezeichnet. Er werde „für seine engagierte und humanistische Meinungsbildung in literarischer Form in Bezug auf die Freiheit des Einzelnen und die Schicksalsfragen der Menschheit“ geehrt, hieß es damals in der Begründung der Jury. (dpa)


Kommentieren


Schlagworte