Auch Geigenbauer kämpfen im Lockdown mit Umsatzrückgängen

Ohne sie erklingt letztlich kein Ton in den Konzert- und Opernhäusern dieser Welt. Entsprechend ist die momentan herrschende kulturelle Corona-Ödnis auch für die Geigenbauer ein Paukenschlag ins Kontor. Zu den jüngeren Proponenten der hiesigen Zunft gehören Martin Rainer und Usa von Stietencron, die sich tief im einstmals verruchten Stuwerviertel nahe dem Wurstelprater und damit abseits der Klassiktempel der Wiener Innenstadt eine Werkstatt teilen.

Auf Straßenwerbung verzichtet man weitgehend. Laufkundschaft ist hier nicht die Zielgruppe, sondern primär jene Musikerinnen und Musiker, die mit dem Instrument ihren Lebensunterhalt finanzieren - oder derzeit eben auch nicht. Den potenziell erwartbaren Boom an Aufträgen von Musikern, die ob gewonnener Freizeit ihre Instrumente ausgiebig warten lassen, gibt es jedenfalls nicht. „Auf den Boom warten wir“, lacht Martin Rainer im APA-Gespräch. Für konkrete Zahlen sei es momentan noch zu früh, „aber ein Rückgang von 60 Prozent dürfte es heuer für uns nach meinem Bauchgefühl werden“.

Dabei haben die beiden Geigenbauer bis auf die erste Woche des Lockdowns ihre Werkstatt nie komplett geschlossen und konnten mittels Kurzarbeit den Stamm der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten. „Und ich habe dieses Jahr wahnsinnig viel Zeit mit Bürokratie verbracht“, erinnert sich von Stietencron mit Schrecken an die verschiedenen Hilfsanträge: „Den Fixkostenzuschuss habe ich schon abgeschrieben - da lohnt sich der Aufwand schlicht nicht. Da ist es für die Psychohygiene besser, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.“ Wenn die denn vorhanden ist.

„Die Berufsmusiker sind bei mir völlig weggebrochen“, meint Rainer. Diese sehen sich oftmals einer äußerst prekären finanziellen Lage gegenüber, wenn sie nicht in einem der großen Orchester fix angestellt und dadurch abgesichert sind. „Vielen Profimusikern steht das Wasser bis zum Hals. Die stehen teils vor der Frage: Leiste ich mir einen neuen Bogenbezug oder gehe ich einkaufen?“, macht sich Rainer durchaus Sorgen um seine Kundschaft. Das hänge auch mit dem reduzierten Tourismus durch die Coronakrise zusammen, macht von Stietencron deutlich: „Durch das Spiel in den Touristenorchestern wurden viele Studien oder Lebensentwürfe finanziert. Und das ist vollkommen weggebrochen.“

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Zugleich lässt man sich auch in Zeiten der Krise gegenseitig nicht hängen und findet meist einen Weg. „Unser Ziel ist, dass wir sozialverträgliche Preise anbieten“, stellt von Stietencron klar. Deshalb arbeitet man schon seit langem mit zwei Preislisten - einer für jene, die es sich leisten können, etwas mehr zu zahlen, und einer für jene, die (noch) nicht so weit sind. Man frage hier die Kunden ganz offen, für welche der Listen sie sich entscheiden wollen. Und diese Quersubventionierung funktioniere. Meistens. „Da gibt es auch kulturelle Unterschiede“, macht von Stietencron deutlich. Musikern aus Ostasien oder Osteuropa sei dieses Konzept oftmals nicht vermittelbar.

Abseits der finanziellen Malaise ist ein zweiter Grund, weshalb es derzeit weniger für die Instrumentenbauer zu tun gibt, ein ganz praktischer: Angesichts der Coronalage reisen die Künstler weniger. „Aber genau beim Reisen gibt es Unfälle, gehen Dinge an einem Instrument kaputt“, so Rainer. Und genau dann kommt der Instrumentenbauer ins Spiel: „Das Beste für ein Instrument ist, immer fix an einem Ort zu sein - dann hält es 300, 400 Jahre.“

Dafür gibt es eine andere Gruppe von Menschen, die sich aus der häuslichen Isolation heraus nun verstärkt an die beiden Geigenbauer wendet: Hobbymusiker, die die alte Liebe zur ihrem Streichinstrument in der Quarantäne wiederentdecken. Habe man vor Corona rund 98 Prozent professionelle Musiker als Kunden gehabt, ändere sich dies gerade ein wenig, so Rainer: „In den vergangenen Wochen hat man richtig gemerkt, dass wir uns einen neuen Kundenkreis erschließen.“

Perspektivisch düster sieht es hingegen beim zweiten Standbein der Werkstatt aus - dem Neubau von Instrumenten, hat sich Rainer doch auf den Nachbau barocker Originale spezialisiert. „Und der Barocksektor ist sehr speziell, weil hier die Musiker noch mehr am Hungertuch nagen als anderswo“, konstatiert er. Die Folge: „Der Lockdown kam, und die vorhandenen Bestellungen wurden samt und sonders storniert.“ Da schaut man als Geigenbauer schlicht durch die Finger. „Es gibt keine Knebelverträge, bei uns ist vieles Handschlagqualität. Und soll ich einem Musiker das Messer ansetzen, wenn das Geld nicht da ist?“

Bleibt die große Frage nach der Zukunft. „Derzeit machen wir noch große Restaurierungsprojekte für einen Kollegen, der dann mit diesen historischen Instrumenten handelt. Und der hat vor allem den Kontakt mit Menschen, die genau jetzt reicher werden“, meint von Stietencron. Ein neuer Auftrag ist im Lockdown bis dato jedoch nicht hinzugekommen.

Die Folgen dürften also zeitversetzt schlagend werden. „Ich kann nicht einschätzen, wie es weiterläuft“, gesteht Martin Rainer ein: „Ich schätze, dass die Auswirkungen 2021 noch spürbarer werden als derzeit.“ Und das wird dann vermutlich die gesamte Profession treffen, prognostiziert von Stietencron, selbst Geigenbauer in dritter Generation: „Ich gehe davon aus, dass es nun seit langem erstmals wieder weniger Geigenbauer in Wien geben wird.“

Dieser erwartete Rückgang folge dann auf einen relativen Aufschwung, habe der EU-Beitritt doch eine große Dynamik in die Branche gebracht und die Abschottung Wiens in diesem Sektor beendet. Als sein Vater 1997 seine Werkstatt in der Bundeshauptstadt eröffnete, sei er hier der 15. Geigenbauer gewesen. 2012 sei er mit seiner eigenen Werkstatt dann bereits der 45. gewesen, erinnert sich von Stietencron. Und mittlerweile spreche man von einer Zahl jenseits der 60, ergänzt Rainer - was aber immer noch bedeutend weniger als etwa in München oder Bologna sei.

Noch steht für die beiden Geigenbauer jedenfalls außer Frage, dass sie zu den Überlebenden einer möglichen „Marktbereinigung“ gehören wollen. Auch wenn er selbst mittlerweile eine neue Zusatzausbildung als Mediator und Konfliktmanager begonnen habe, gesteht von Stietencron: „Ich finde das Gefühl angenehm, auch etwas anderes machen zu können, sollte es einmal nicht mehr reichen.“

)


Kommentieren


Schlagworte