Schiele-Standardwerk mit 5,3 Kilo von Leopold neu aufgelegt

Es ist ein Mammutprojekt, das schlussendlich 48 Jahre auf seine Realisierung gewartet hat: Das 1972 von Rudolf Leopold herausgegebene und bald vergriffene Standardwerk „Egon Schiele. Gemälde - Aquarelle - Zeichnungen“ erscheint nun als 5,3 Kilo schwere Neuauflage mit aktualisiertem Werkverzeichnis der Ölgemälde. Die Sammlerwitwe Elisabeth Leopold, die am 3. März ihren 95. Geburtstag feiert, zeigte sich im APA-Gespräch erleichtert, das Projekt endlich abgeschlossen zu haben.

Über Corona will sie bei dem Treffen im Leopold Museum nicht reden. „Wenn man einen geistigen Inhalt hat im Leben - und den hatte ich nicht zuletzt durch die Arbeit an diesem Werk - hat man mit Corona nichts zu tun“, so die 94-Jährige. Als Ärztin bedrücke es sie jedoch, „dass viele Menschen die Maßnahmen nicht mittragen und das Leid so verlängern“, trifft sie schließlich doch eine Aussage zur Pandemie. Sichtlich erfreut zeigte sie sich, dass nun zumindest die Museen wieder öffnen dürfen. Nun soll es aber wieder um das Buch gehen.

Vor allem zwei Punkte streicht sie heraus, die das Werk zu einem besonderen machten: Einerseits wurden Schieles Zeichnungen damals zum ersten Mal gleichberechtigt neben seinen Werken in Öl betrachtet. „Die Kraft der Linie stand erstmals neben der Kraft der Farbe“, so Leopold. Andererseits sei ihrem 2010 verstorbenen Mann in dem Werk eine „bis dato unerreichte veränderte Sicht auf Schieles Frühwerk“ gelungen, das die „explosionsartige Phase“ des Künstlers ins Zentrum gerückt habe. „Das ist wahre Ausdruckskunst“, schwärmt Elisabeth Leopold und zeigt auf das großformatige Gemälde „Sitzender Männlicher Akt „, der sogenannte „Gelbe Akt“, aus dem Jahr 1910, das im Ausstellungssaal hängt.

Das Buch war ein Erfolg, und Rudolf Leopold habe schon bald begonnen, an einer aktualisierten Neuauflage zu arbeiten. Diese handschriftlichen Notizen waren schließlich auch für Stefan Kutzenberger, der das Projekt federführend betreute, die Basis für die nunmehr erfolgten Adaptierungen. Gerade in der Forschung habe sich gezeigt, „wie sehr dieses Buch fehlt“, unterstreicht der Wissenschafter. Im Antiquariat sei es um bis zu 500 Euro gehandelt worden. Seit der Eröffnung des Museums im Jahr 2001 habe man sich mit dem Gedanken an eine Neuauflage getragen.

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Vor drei Jahren habe man sich dann - auch aufgrund der fortgeschrittenen Möglichkeiten der Digitalisierung - entschlossen, eine Neuauflage zu wagen, für die alle Werke neu abfotografiert wurden und daher nun auch in Farbe zur Verfügung stehen. Rudolf Leopolds Texte habe man nicht angegriffen. „Rudolf Leopolds Sicht ist unerreicht, er hatte ein einzigartiges Auge“, so Kutzenberger. Sehr wohl aktualisiert wurde jedoch das Werkverzeichnis der rund 300 Ölgemälde, das nun mit jüngsten Erkenntnissen zur Provenienzforschung und aktuellen Besitzern versehen sei.

Besonders streicht Elisabeth Leopold den Umstand hervor, dass Rudolf Leopold in den 20 Jahren vor Erscheinen des Buches noch zahlreiche Zeitzeugen treffen konnte, durch die er wichtige Informationen zu den Werken erhielt. Als Beispiel nennt sie etwa „Die Eremiten“, das höchstwahrscheinlich Schiele mit Klimt zeigt. Aus Gesprächen u.a. mit Schieles Schwestern und Otto Benesch, dessen Vater ein wichtiger Förderer des Künstlers war, habe man Hintergrundinformationen über die Beziehung der beiden Künstler bekommen. „Da hat Rudolf Leopold eine unglaubliche detektivische Arbeit geleistet“, so Elisabeth Leopold.

Für die Zukunft des Museums wünscht sie sich, dass man Gegenwartskunst im Spiel mit der Moderne zeigt. Dies müsse allerdings „organisch“ geschehen, „nicht krampfhaft“. Im Mittelpunkt solle aber stets „Schiele und seine Zeit“ stehen. Sie persönlich wünsche sich eine Ausstellung, die den zweiten Teil der Sammlung Leopold in den Mittelpunkt rückt, die verdeutliche, „welche künstlerische Kraft nach dem Zusammenbruch Österreichs nach dem Ersten Weltkrieg im neuen, kleinen Österreich steckte“. Hier nennt sie Künstler wie Hans Böhler, Gerhart Frankl oder Herbert Boeckl. „Eine Ausstellung mit den großen Farbmalern, das wäre noch ein Wunsch von mir.“

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