Gedichtband von Sepp Mall: Der Holzweg himmelwärts

Die Beschreibungen unsteter Zustände und eine Einladung zum Staunen: Sepp Malls Gedichtband „Holz und Haut“.

Die reiche Witwe und der abgemusterte Seemann, der das Meer verraten hat: Vera-Lotte Boecker und Bo Skovhus.

Innsbruck –Ob und wie sich über die Shoah schreiben lässt, ist eine akademische Diskussion. Schreibende haben sie kaum geführt. Sie haben geschrieben. In seinem neuen Gedichtband „Holz und Haut“ besucht der Südtiroler Dichter Sepp Mall auch die Stätten des Menschheitsverbrechens, das sich der Beschreibung entzieht und auch deshalb erschrieben werden muss. Mit „Über die Städte zog Rauch“ hat Mall seine Shoah-Gedichte überschrieben. Er beschreibt darin das Gedenkstätten-Heute. Verbindet das, was von den Mordfabriken blieb, mit dem, was beim Betrachten, beim Erinnern, dem Versuch, das, was war, nachzuvollziehen, mitschwingt. Nicht ums Begreifen geht es dabei, sondern um die Beschreibung des Nichtbegreifenkönnens.

Auch Malls andere Gedichte – der Band besteht aus sechs Zyklen – sind Zustandsbeschreibungen. Auch hier sind die Zustände unstet. Das titelgebende Holz-Motiv zieht sich konsequent durch: Holz als naturgewachsener Werkstoff, als handgreifliche Metapher für Beständigkeit Behauptendes und von Zersetzung Bedrohtes, für das, was wächst und sich entwickelt, bis es zu Asche wird und aufgeht in der „Himmelwärtsleichtigkeit“ des Rauchs.

Anschaulich nachvollzogen wird dieser Holzweg alles Irdischen im Langgedicht „Unwirkliches Blau (Rondo)“: Da staunt einer darüber, dass alles vergeht, das Biegsame genauso wie das Starre, hält dieses Vergehen fest in Versen, die bleiben werden – und lesend darf man mitstaunen über Sepp Malls einmal mehr schöne, ja erschreckend schöne Gedichte. (jole)

Gedichte

Sepp Mall: Holz und Haut. Haymon, 88 Seiten; 16,90 Euro. Eine Lesung von und ein Werkstattgespräch mit Sepp Mall ist über die Website des Literaturhauses am Inn abrufbar. www.literaturhaus-am-inn.at

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