Wechselberger: Ausgangssperre als Ultima Ratio?

Artur Wechselberger: „Diskrepanz zwischen Medizin und Politik“
© TT/Böhm

Innsbruck – Der Präsident der Tiroler Ärztekammer, Artur Wechselberger, zieht in der hauseigenen Zeitung Bilanz zum Corona-Jahr. Die Zeugnisverteilung für die politischen Entscheidungsträger fällt durchwachsen aus. Fehlendes evidenzbasiertes Wissen und mangelnde Erfahrung zwangen Politik und Medizin zu Entscheidungen aus Unsicherheit. Das habe sich im Verlauf der Monate geändert, schreibt Wechselberger. „Dennoch bleibt bisweilen das dumpfe Gefühl, dass gesundheitspolitische Maßnahmen wissenschaftlicher Evidenz nachhinken oder diese ignorieren.“

Darauf angesprochen, erklärt Wechselberger, dass er sich in der Publikation vor allem an die Ärzteschaft wende und einen Spagat zustande bringen müsse. „Die Ärzteschaft ist gespalten. Ich versuche die Diskrepanz zwischen Medizin und Politik zu erklären.“

Nicht evidenzbasiert und entgegen der Expertenmeinung habe die Bundesregierung Massentests an gesunden Menschen durchgeführt. „Massentests machen bei asymptomatischen Menschen keinen Sinn, wenn sie nicht längstens innerhalb einer Woche wiederholt werden.“ Als zweites Beispiel nennt Wechselberger die Bildung. „Evidenzbasiert ist, dass die Bildungseinrichtungen keine großen Infektionsherde darstellen.“ Die Bundesregierung hat sie aber trotzdem geschlossen.

Das Ziel der Ärzte, sich um den Patienten zu kümmern, und das Ziel der Politik driften auseinander. „Das Problem ist nur, dass die Politik das Ziel nicht offen kommuniziert.“ So würden wenig differenzierte Ausgangssperren wie bei Albert Camus vor 70 Jahren in seinem Roman „Die Pest“ als Ultima Ratio hingestellt. Als hätten die Monate seit dem ersten Lockdown keine neuen Erkenntnisse gebracht, wurden die Bewohner vieler Länder der Welt zum zweiten Mal in ähnliche Bewältigungsstrategien gedrängt, schreibt Wechselberger in der Ärztezeitung.

Gegenüber der TT meint er zu den Ausgangssperren: „Wenn das Ziel der Politik ist, dass sich die Menschen vor allem nicht von A nach B bewegen und Kontakte reduzieren sollen, dann sind die Ausgangssperren und die Schulschließungen wirksam.“ Wechselberger glaubt, wenn die Politik ehrlicher kommunizieren würde, dass die Bevölkerung dann sinnvolle Maßnahmen viel besser mittragen würde. (aheu)


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