Staatsoper-Premiere „Das verratene Meer“ vom Stapel gelassen

Stell Dir vor, die Wiener Staatsoper präsentiert ihre erste eigene Premiere unter neuer Direktion, und niemand geht hin. Weil niemand darf. So fand auch Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“ Montagabend coronabedingt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Und die Öffentlichkeit hat etwas verpasst. Respektive nicht ganz. So wurde der Abend von der Staatsoper gestreamt. Und Ö1 liefert heute ab 19.30 Uhr zumindest den Akustikeindruck eines exzellent besetzten Abends.

Live ist das Stück dann in der Staatsoper erst am 19., 23. und 27. September 2021 zu erleben - wenn alles passt. Und das bleibt zu hoffen, entginge den Opernfreunden ansonsten doch eine der raren Gelegenheiten, die seit der Uraufführung 1990 nur äußerst selten gespielte Henze-Oper auf der Bühne zu erleben. Hierfür hatte sich der Komponist den Roman „Der Seemann, der die See verriet“ des ebenso verehrten wie umstrittenen Japaners Yukio Mishima als Ausgangspunkt genommen.

Der Meister der Verschränkung von Avantgarde und alter Tradition bis hin zum rituellen Selbstmord nach einem gescheiterten „Putschversuch“ mit rechtsextremen Getreuen stellt in seinem Buch den 13-jährigen Noboru in den Mittelpunkt, der in ödipaler Anziehung zu seiner verwitweten Mutter Fusako lebt und zugleich von einer gewalttätigen Jugendbande angezogen ist, die ihn als Dämonen seiner pubertären Fiebrigkeit heimsucht. Als sich die Mutter in den Schiffsoffizier Ryuji verliebt eskaliert die Situation auf des Messers Schneide vollends. Die Burschen sind bereit, Ryuji, der für Fusako und Noboru die Seefahrt hinter sich gelassen hat, zu töten.

Auch Henzes in der Partitur auf fernöstliche Anklänge verzichtende und monumental besetzte Adaption atmet den Geist der 60er, ist zwischen „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Clockwork Orange“ angesiedelt. Es geht um Vorstellungen von Männlichkeit, die Phantasmen des Erwachsenwerdens, den gewalttätigen Konflikt zwischen Jugend und Saturiertheit sowie eine unterdrückte Homoerotik. Das von Hans-Ulrich Treichel verfasste Libretto changiert dabei zwischen bisweilen beinahe platter Prosa und lyrischem Symbolismus - eine Spreizung, die das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito, seines Zeichens neuer Chefdramaturg am Haus, aufnimmt.

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Sie siedeln das Geschehen im Einheitsbild eines stilisierten Schiffsrumpfs samt eines davor beweglichen Schuppens an, für das Marthaler-Compagnon Anna Viebrock verantwortlich zeichnet. Mittels kleiner Interventionen erweist sich dieses Setting als überraschend vielseitige Spielfläche, bei der auf Nippon-Nippes im Bühnenbild gänzlich verzichtet wird. Es ist das echte, das in seiner infrastrukturellen Existenz vielfach von Beige und Grau dominierte Japan. Clockwork Grey. Erst bei der Bluttat am Ende kommt die Farbe Rot zum Einsatz.

Wieler/Morabito erinnern in der Bildsprache dabei vielfach an den großen Yasujiro Ozu und etablieren zugleich einen Kontrast zwischen den 14 beinahe naturalistisch gehaltenen Spielszenen und den von Henze für die Umbauzeiten komponierten Zwischenspielen. Diese nutzt das Regieduo für Abstraktionen, die Raum für Symbolismus bieten. Diese Vielschichtigkeit umzusetzen gelingt nicht zuletzt dank des Ensembles, das von Simone Young ebenso souverän durch den Abend geführt wurde wie das Staatsopernorchester.

Zeitgenossenspezialist Bo Skovhus gibt den gutmütigen Schiffsoffizier in gewohnt raumgreifendem Einsatz, während Neo-Ensemblemitglied Vera-Lotte Boecker, die schon 2018 in Salzburg bei Henzes „Bassariden“ zu hören war, mit flirrendem Sopran ihre Fusako feinnervig anlegt. Jungstar Kangmin Justin Kim konnte als Counter bei seinem persönlichen Staatsoperndebüt nur die kleine Partie eine Gangmitglieds ausfassen. Dafür hat Ensemblebeau Josh Lovell mit seinem schnörkellosen Tenor als getriebener Noboru umso mehr Raum, den dieser zu nutzen weiß. Und so steht am Ende ein trauriger, aber sehenswerter Abgesang auf das Land der untergehenden Sonne.

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