Familiengeschichte und Ästhetik des Anderen

Zum Abschluss des Fellowship-Programms: Büchsenhausen-Stipendiaten zeigen ihre Arbeiten in der Schau „Identität ist ungewiss #2“ im Kunstpavillon.

In ihrer Videoinstallation „Nehmt es, wie es ist“ arbeitet die deutsche Künstlerin Lena Ditte Nissen ihre eigene Familiengeschichte in einer generationenübergreifenden Perspektive auf.
© Daniel Jarosch

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Nehmt es, wie es ist“, damit schloss die Großmutter ihre Memoiren. Sie hatte darin von der Flucht vor den Alliierten 1945 geschrieben, ebenso wie über ihre Sorge um die Familie und das Schicksal des Führers. Die Großmutter von Künstlerin Lena Ditte Nissen war bekennende Nationalsozialistin. In den Sechzigern übergab sie ihrer Familie jene Schriften, die in der Erinnerung der Nachkommen verstauben sollten. Ihre Enkelin allerdings verwehrte sich diesem Wunsch. Sie verwendete das Tagebuch, analysierte es in Workshops, teilte es mit anderen. Entstanden ist aus dieser Aufarbeitung der Familiengeschichte eine Videoinstallation, die Erzählung und Auseinandersetzung gelungen in Einklang bringt. Die Arbeit ist aktuell im Kunstpavillon der Tiroler Künstler:innenschaft zu sehen.

Identität ist ungewiss, das wird bei solchen Fragen nach generationenübergreifenden Traumata und generell dem Neuverhandeln von Geschichte klar. Deshalb stellt Kurator und Büchsenhausen-Leiter Andrei Siclodi „Identität ist Ungewissheit“ zum zweiten Mal ins Zentrum einer Ausstellung. Der aktuellen Überblicksschau von Arbeiten der Stipendiaten des Fellowship-Programms 2019/20 ging im November 2019 eine erste vorau­s. Der jetzige Abschluss des Programms kommt Corona-bedingt verspätet, die Pandemie hat auch das Anreisen der Stipendiaten selbst verhindert. Ihre Arbeiten sind dennoch aus­sagekräftig – wenn man ihnen Zeit entgegenbringt. In einfachen Bildern lassen sich dies­e recherche­basierten Werke nicht ausdrücke­n.

Ausführlich untersucht Ann­a Dasović etwa die Spätfolgen von Kolonialismus: Im beeindruckenden Langzeit-Projekt „Before the fall there was no fall“ taucht man tief ein in den umstrittenen Einsatz niederländischer Blauhelm-Soldaten in und um Srebrenica. Dasović zeigt Videomaterial des niederländischen Militärs, das den Soldaten zur Vorbereitung auf den Einsatz im Jugoslawien­krieg diente. In Übungen werden sie zu Schauspielern, die ihre Erfahrungen mit Einheimischen für nachkommende Soldaten reinszenieren. Die Neuen sollen lernen, wie mit „den Anderen“ umzugehen ist. Weiterverarbeitet hat Dasović die 100 VHS-Kassetten außerdem in „Episode 02: Surfaces“, einem Videoessay, das Vergangenheit mit der Gegenwart in Srebrenica verbindet. Spuren zeugen noch vom strukturellen Rassismus.

Auch die Arbeiten von Air­i Triisberg und KURS (Mirjan­a Radovanović und Miloš Miletić) warten mit bisher ungeahnten Episoden von Geschichte bzw. Perspektiven auf Geschichte auf: Während KURS eine umfangreiche Studie zum Stellenwert von Kultur im jugoslawischen Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg vorlegen, untersucht Airi Triisberg linken, queeren, künstlerischen Aktivismus in der postsowjetischen Gegenwart von Kasachstan oder Weißrussland. Gerade im Kontext der Proteste in Belarus, die bis heute anhalten, ist die Kunst hier über die Geschichte wieder mitten in der Gegenwart angekommen.

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