Ausstellung „Cybernetics of the Poor“ in der Kunsthalle Wien

„Cybernetics of the Poor“ nennen der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen und Oier Etxeberria die von ihnen kuratierte Schau in der Kunsthalle Wien, die seit heute, Donnerstag, im Museumsquartier zu sehen ist. Im Mittelpunkt steht dabei die Beziehung zwischen Kunst und Kybernetik und ihre historischen wie gegenwärtigen Schnittpunkte. Das Spektrum reicht dabei von Plastilin-Figuren von Robert Adrian X bis Bleistiftzeichnungen von Michael Hakimi.

Als Kybernetik werden seit den späten 1940er-Jahren sich selbst regelnde Systeme genannt, „die messen und antizipieren und auf veränderte Zustände intervenierend reagieren“, wie es im Text zur Ausstellung heißt. Im digitalen Kapitalismus habe sich die Kybernetik als ökonomischer Faktor etabliert, weshalb die Kunst „in dieser kybernetischen Totalität“ darauf reagieren müsse. Diesen Prozess nennen die Kuratoren schließlich die „Kybernetik der Armen“.

Die rund 30 gezeigten Positionen machen das Dilemma des Künstlers, der einerseits - Stichwort Kunstmarkt - Teil der Kybernetik ist, andererseits aber außerhalb dieser stehen möchte, auf unterschiedlichste Weise sichtbar. Sinnbildlich dafür steht die Serie „24 Jobs“ von Robert Adrian X, die auch das Ausstellungssujet ziert. Der 2015 verstorbene kanadische Künstler, der seit den frühen 1970ern in Österreich lebte, schuf 24 Plastilin-Figuren, die ihn bei bezahlten Tätigkeiten zeigen, um sich sein Leben als Künstler zu finanzieren. Sich selbst ins Licht rückte 1971 auch Eleanor Antin, die sich in ihrem Film „Representational Painting“ beim Schminken dokumentiert und so nicht nur ihres, sondern ein Gesicht malt.

Dass im Deutschen Schuld und Schulden den gleichen Namen tragen, thematisiert Coleman Collins in seiner 2020 entstandenen Arbeit „Guilt Coins“, die er von der „ultrakybernetischen Bitcoin-Währung“ ableitet. Sich schuldig fühlende Ausstellungsbesucher können die Währung zu bestimmten Zeiten (jeden Donnerstag von 14 bis 18 Uhr) erwerben. Die „Spekulationsindustrie des Kunstmarktes“ sowie den Handel mit journalistischen und dokumentarischen Bildrechten thematisiert Paolo Cirio, der Fotos der letzten US-Präsidenten in den Fokus rückt. Theoretisch sind sie umsonst gemeinfrei auf der Website des Weißen Hauses erhältlich, werden aber zugleich von Getty vermarktet. Somit fragt sich der Besucher unweigerlich: Ist es nun Diebstahl oder nicht? Und wie ändern sich die Rechte, wenn die Fotos nun Teil eines Kunstwerks sind?

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Ähnliche Gedanken tauchen etwa bei Cory Arcangels Videoarbeit „Paganini Caprice No. 5“ (2011) auf, in dem der Künstler unzählige Youtube-Tutorials für E-Gitarre zu einem einzigen Stück zusammengeschnitten hat. Den tatsächlich Armen widmet sich eine Serie von Michael Hakimi, der in seinen Bleistiftzeichnungen Straßenverkäufer abbildet. Sie tragen sprechende Titel wie „Abfall“, „Hammerverkäufer“ oder „Nicht Lachen“.

Zur Kybernetik schreibt Diederichsen im Ausstellungs-Booklet einleitend: „Ihre Definition ist, wie das bei Definitionen häufig der Fall ist, neutral. Und doch ist im Verlauf der letzten zehn Jahre ein Bewusstsein für den trügerischen Charakter dieser Neutralität gewachsen, und zwar in dem Maß, in dem die Sammlung, die Analyse und unweigerlich auch die Manipulation von Daten zu einem Teil unseres täglichen Lebens geworden sind.“ Wie sich verschiedene Künstlergenerationen dem annäher(t)en, ist bis zum 28. März zu sehen.

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