Tobias Moretti als Beethoven im TV: Die Schattenseite einer Lichtgestalt

Zum Abschluss des Beethoven-Jahres 2020: Tobias Moretti in der Rolle des gefeierten Komponisten heute im ORF.

Genialer Grantler. Tobias Moretti als Ludwig van Beethoven in dessen später Lebensphase
© ORF

Bonn, Wien – Erklärter Regent des Kulturjahres 2020 war ja eigentlich Ludwig van Beethoven, der vor 250 Jahren, im Dezember 1770, das Licht der Welt erblickte. Viel wurde daraus aber leider nicht, denn ein Virus tauchte auf, das dem aus Bonn gebürtigen Komponisten die Jubiläumssause aber so was von vermieste: Absagen überall auf der Welt, Konzerte, Ausstellungen etc. Beethoven blieb im Jahr des Corona-Ausbruchs vielfach bloß eine Figur am Rande.

Wie gut, dass sich ORF und ARD gemeinsam ans Werk machten, um den musikalischen Genius in einem historisch durchwirkten Spielfilm unterhaltsam und mit Tiefgang zu porträtieren. „Louis van Beethoven“ läuft heute im Hauptabend von ORF 2. Wer kann, möge sich die zwei Stunden ab 20.15 Uhr reservieren. Es zahlt sich aus.

📺 Louis van Beethoven

Zu sehen heute, 23.12., 20.15 Uhr, ORF 2, und am 25.12., 20.15 Uhr, ARD.

📽️ Video | ORF-Vorschau Louis van Beethoven

Der Film ist ansprechend gespielt und aufwändig gestaltet, die Ausstattung geradezu üppig, mit Perücken, Roben, Gewändern und sonstigem Ornament, das den Betrachter ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Zu dieser Zeit lässt der Knabe Ludwig van Beethoven – im heimatlichen Rheinland, wo gerne „französisiert“ wird, „Louis“ gerufen – schon mit acht Jahren sein Mega-Talent erkennen.

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

In Vor- und Rückblenden folgen wir dem Lebensweg des Komponisten, der schon als junger Erwachsener mit zunehmender Taubheit zu kämpfen hat und dennoch Meilensteine des klassischen Werke-Kanons verfasst, darunter neun Symphonien als auch heute noch ungebrochen populäre Orchesterwerke.

Colin Pütz, selbst ein hochbegabter Pianist, spielt Beethoven im Kindesalter.
© ORF

Regisseur Niki Stein bietet drei Schauspieler auf, um Beethovens Entwicklungsstadien möglichst authentisch nachzubilden. Das musikalische Wunderkind Beethoven wird vom 13-jährigen Pianisten Colin Pütz gespielt. Er greift selbst in die Tasten, auf historischen Instrumenten wie Cembalo, Orgel und Hammerklavier, was dem Film zusätzlich Stimmung und Farbe verleiht.

Den heranwachsenden Beethoven, dessen Liebe zu Eleonore von Breuning an den Standesdünkeln von deren Mutter scheitert, verkörpert Schauspieler Anselm Bresgott mit herrlich schnoddrigem Rheinland-Zungenschlag. Beethoven begehrt auf, gegen seinen dem Suff verfallenen Vater, gegen musikalische Zwänge, gegen den ausbeuterischen Adel, und macht sich auf zu seinem großen Idol Mozart (gespielt von Manuel Rubey) nach Wien. Der Wolferl ist freilich zu sehr mit sich selbst und seinem liederlichen Lebensstil beschäftigt. Joseph Haydn nimmt den aufstrebenden Beethoven hingegen unter seine Fittiche.

Beethoven als junger Mann wird von Anselm Bresgott verkörpert (rechts mit Caroline Hellwig, der Darstellerin seiner Liebe Eleonore).
© ORF

Als (g)eifernder, zunehmend kränklicher und fast tauber Beethoven der späten Jahre ist Tobias Moretti zu sehen. Beethoven droht das Geniale zu entgleiten, Auftragswerke werden ihm als unspielbar zurückgeworfen. Höchststrafe! Kein Wunder also, dass er zunehmend zum Grantler mutiert, sozial absolut unverträglich.

Schon vor der heutigen TV-Premiere hat Tobias Moretti zusätzlich Grund zur Freude: Er wird für seine Rolle als Beethoven mit dem Europäischen Kulturpreis 2021 ausgezeichnet. Die Übergabe erfolgt im August in Beethovens Heimatstadt Bonn. (mark)


Kommentieren


Schlagworte