Kraft als „Nackerpatzl“ zur Vierschanzentournee

Stefan Kraft schickt sich selbst als „Wundertüte“ in die am Montag beginnende Vierschanzentournee. Nach gesundheitlichen Problemen hat Österreichs bester Skispringer der vergangenen Jahre seine Erwartungen für den prestigeträchtigen Bewerb heruntergeschraubt. „Dass ich als Nackerpatzl zur Tournee komme, ist klar. Es war sicher bei weitem nicht die Vorbereitung, die ich mir gewünscht hätte“, sagte Kraft.

Der Weltcup-Gesamtsieger der Vorsaison bestreitet den zweiten Saisonhöhepunkt nach der verpassten Skiflug-WM nach zwölftägiger Zwangspause ohne Wettkampfrhythmus. Zuletzt waren immerhin eine Handvoll Trainingssprünge in Seefeld drin. „Ich wollte nur einmal probieren, ob alles hält und wie mein Körper reagiert“, sagte Kraft zur APA - Austria Presse Agentur.

Die gesendeten Signale seien positiv. „Ich denke, ich habe mit viel reden, viel Therapie und viel in meinem Körper hineinfühlen einen ganz guten Weg eingeschlagen.“ Das Therapiekonzept gegen seine Rückenprobleme sei stimmig, auch wenn es kein Allheilmittel gebe. „Es ist strukturell alles in Ordnung. Es sind einfach muskuläre Dysbalancen, die sich über die Jahre aufgestaut haben und heuer ist die Blase geplatzt.“

Nach dem ersten Trainingssprung der Skiflug-WM waren die Schmerzen akut geworden, Kraft kam nicht mehr in die Hocke und reiste unverrichteter Dinge aus Planica ab. Seither waren Physiotherapeuten und Personaltrainer damit beschäftigt, „die Ganzkörperspannung rauszunehmen“. Das Training wird umgestellt. „Ich werde nicht mehr so Krafttraining machen können wie die letzten fünf Jahre, in denen ich immer buckeln konnte, weil mir nie was wehgetan hat. Irgendwann kommt man doch ein bisserl in die Sportlerjahre“, sagte der 27-Jährige.

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Zuvor aber sind Kompromisse notwendig, wenn Kraft im WM-Winter Zählbares mitnehmen will. „Die Tournee ist ein Highlight und natürlich möchte man vorne mitspringen. Deshalb fahre ich auch hin und ich denke, wenn alles passt und mein Körper mitspielt, kann ich vorne mitspringen. Das traue ich mir zu“, sagte Österreichs bisher letzter Tournee- (2014/15) und Tagessieger (2016/Oberstdorf). Die letzte Auflage hat er als bester Österreicher auf Rang fünf beendet.

Mit Ergebnisdruck klettere er am 28. Dezember aber nicht auf die Schanze. „Ich mache mir keine Gedanken, wievielter ich werde. Ich möchte die Tournee durchspringen, aber ich werde weiter eine Wundertüte sein.“ Fragezeichen werden ihn begleiten: Wie wird der Körper reagieren? Muss ich rausnehmen? Sprünge sparen? Vielleicht zwischenzeitlich zur Therapie? „Das sind so die Fragen. Aber Oberstdorf wird sicher cool, ich glaube, dass es mir dort gut gehen wird.“

Oberstdorf liegt ihm, in den vergangenen vier Jahren war er nie schlechter als Vierter. Trotz dieser Erfolgsbilanz belegt die Schattenberg-Schanze in seinem Beliebtheits-Ranking nur Platz zwei hinter Bischofshofen. „Bischofshofen ist doch meine Heimschanze und noch einmal ganz was anderes.“

Dass Zuschauer für das Spektakel coronabedingt nicht zugelassen sind, schmerzt Kraft. „Der Medienrummel und die vielen Zuschauer ergeben normalerweise noch einmal ein ganz anderes Flair, eine andere Aufgeregtheit, das fehlt sicher. Vor allem, da der „Eisei“ (Markus Eisenbichler, Anm.) so in Form ist - die Deutschen hätten ihnen die Bude eingerannt.“ Und ein Österreich-Springen könne er sich „ohne rot-weiß-rotes Fahnenmeer“ noch gar nicht recht vorstellen.

Doch das spezielle Jahr 2020 hat den Pongauer schon öfter überrascht. Wie alle ÖSV-Topspringer hat auch er eine Corona-Erkrankung hinter sich. „Ich hätte nie gedacht, dass man plötzlich nichts mehr riechen oder schmecken kann. Das war nicht lustig und ich möchte mir nicht ausmalen, wie das ist, wenn man das länger hat.“

Mangelnde Vorsicht wollte er sich nicht ankreiden. Auch er hat sich auf negative PCR-Tests sämtlicher Akteure vor der Anreise nach Wisla verlassen. Der Zufall spiele eine Rolle. „Wenn es dich erwischt, erwischt es dich. Die Deutschen haben groß geredet, dass sie alles perfekt machen und den Karl Geiger hat es auch erwischt. Wir haben doch auch gut aufgepasst.“ Positives könne er aus der Erfahrung nicht mitnehmen - mit einer Ausnahme: „Dass ich Antikörper habe, das ist das einzig Positive.“


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