Mit Blaulicht und Sirene zum „schönsten Tag des ganzen Jahres“

Enrique, Jwan und Raphael besuchen die Blindenschule in Mils. Ihr größter Wunsch, einmal mit einem Polizeiauto mitzufahren, wurde vor Weihnachten erfüllt – und mehr.

Erwin Vögele (links) von der Polizeipressestelle begleitete Enrique (2.v.l.), Jwan (3.v.l.) und Raphael zur Innsbrucker Justizanstalt. Sogar eine echte Gefängniszelle durften sie besichtigen.
© Böhm Thomas

Von Benedikt Mair

Mils, Innsbruck – Die Plastikpistole im Anschlag, ruft Enrique: „Hände auf den Rücken!“ Er greift den Arm der Frau, legt ihr Handschellen an und führt sie ab. Der 13-Jährige lacht und strahlt vor Begeisterung. Sein größter Wunsch geht gerade in Erfüllung.

Eigentlich kommt Enrique aus Kufstein. Seine Sehkraft ist stark eingeschränkt, irgendwann wird er sie ganz verlieren. Deshalb besucht er die Blindenschule in Mils bei Hall, lebt dort im Internat. „Im Rahmen eines Praktikums habe ich ihn kennen gelernt“, sagt Petra Falkner, die an der Schule für Sozialbetreuungsberufe in Innsbruck eine Ausbildung macht. „Und da hab ich mitbekommen, dass er sich wünscht, einmal in seinem Leben mit einem Streifenwagen mitzufahren.“ Falkner kontaktiert die Tiroler Polizei. Die ist einverstanden, organisiert einen Ausflug, am vergangenen Mittwoch findet dieser statt.

Enrique stürmt aus dem Haus beim Zentrum für Hör- und Sprachpädagogik in Mils. Er ist passend gekleidet, trägt Uniform, eine Polizeimütze. Am Gürtel ein Halfter für seine Plastikpistole, Handschellen, ein Funkgerät. „Boah, ist das cool“, schreit er, als er den grauen Jeep auf dem Parkplatz stehen sieht. Das Blaulicht blinkt, die Sirene heult. Mit ihm dabei sind Jwan (12) und Raphael (11). Sie, die ebenfalls die Blindenschule besuchen, haben von der Aktion Wind bekommen. Und durften mit dabei sein.

Mit Petra Falkner, die den Ausflug initiiert hat, wurde eine Festnahme nachgespielt.
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„Für dich hab ich einen großen Pfefferspray dabei“, sagt Erwin Vögele von der Polizeipressestelle Tirol und kramt die grüne Flasche aus dem Kofferraum. Vögele begleitet die Burschen bei ihrem Ausflug. Und rüstet sie dementsprechend aus, zieht ihnen eine richtige Polizeischutzweste an, setzt Helme auf, reicht einen Schlagstock. „Zwischen sieben und acht Kilo wiegt das.“

Vor drei Wochen habe er vom großen Traum der Kinder erfahren, sagt der Polizeisprecher. „Und werden solche Wünsche an uns herangetragen, schauen wir, was sich machen lässt.“ Besonders vor Weihnachten ginge das dann leichter. „Freilich unter Einhaltung aller Covid-Schutzvorschriften“, sagt er.

Von Erwin Vögele sind die drei Burschen mit Helmen, Westen und Pfefferspray ausgerüstet worden.
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Enrique holt einen Zettel aus der Hosentasche. Darauf hat er Fragen notiert. „Was passiert mit einem Mörder?“ Vögele überlegt nicht lange: „Für den Fall, dass wir ihn erwischen, kommt er an den Ort, wo wir jetzt hinfahren.“ Der Polizeisprecher grinst. Er hat sich etwas Besonderes einfallen lassen: die Besichtigung einer Gefängniszelle.

Die Gruppe steigt ins Auto. Das Ziel: Justizanstalt Innsbruck, Polizeianhaltezentrum. „Wir haben Platz für 40 Gefangene“, sagt Gerold Blassnig, stellvertretender Kommandant der Einrichtung. „Waffen tragen wir keine, weil die Häftlinge uns die nehmen und sich freipressen könnten“, erklärt er Enrique, Jwan und Raphael. Sie nicken zustimmend, schauen sich einen Haftraum von innen an, fassen an die Gitter, staunen über die wuchtigen Türen.

„Die Zelle hat mir am besten gefallen“, sagt Enrique. „Die Motivation war auf 100.“ Und Raphael und Jwan stimmen zu: „Das war der schönste Tag des ganzen Jahres.“


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