Motorsport-Legende Stuck: „Ich habe überlebt – das war mein größter Triumph“

Ein Leben für den Motorsport: Hans-Joachim Stuck feiert heute seinen 70. Geburtstag. Die Tiroler Luft genießt der Bayer nun schon seit 30 Jahren.

Hans-Joachim Stuck genießt sein Leben in Tirol.
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Von Daniel Suckert

Innsbruck – Als Bayer hat man es in Tirol sicher nicht immer leicht. Dass das beim in Garmisch-Partenkirchen geborenen Hans-Joachim Stuck anders ist, dürfte an seinem sonnigen Gemüt liegen: „Ich bin leicht zu ,handeln‘. Mich mögen sie“, erklärt der „Strietzel“ mit einem Lächeln. Heute feiert der zweifache Le-Mans-Sieger seinen 70. Geburtstag. Ein Leben, das er immer noch in vollen Zügen genießt.

Der Bergkönig: Eigentlich hat Stuck gar keine andere Wahl, als Rennfahrer zu werden. Er ist der Sohn des berühmten „Bergkönigs“. Sein Vater Hans bekommt den Titel, weil er bei den Bergrennen nahezu unschlagbar ist. Die Berührungen zum Motorsport sind also von Beginn an da. Übrigens: Am 27. Dezember wäre Papa Hans 120 Jahre alt geworden: „Ich hab’ dem Papa viel zu verdanken. Die Mama hat mich ein wenig eingebremst. Die hat immer gesagt: ,Der Bub muss zuerst die Schule abschließen.‘“

Wenn der Vater mit dem Sohne: Hans-Joachim Stuck (r.) mit Papa Hans, der wegen seiner Erfolge bei Bergrennen auch „Bergkönig“ genannt wurde.
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Da der Vater am Nürburgring Fahrer-Lehrgänge abhält, darf der Sohnemann früh der PS-Leidenschaft nachgehen. Dass er sich mit 19 Lenzen den Sieg beim „24-Stunden-Rennen“ im Wohnzimmer in der Eifel holt, ist kein Zufall.

Die 74er-Klasse: Erfolge im Tourenwagen-Bereich und erste Gehversuche in der Formel 2 lassen seine Karriere auf die Überholspur übersetzen. Der Aufstieg in die Formel 1 im Jahre 1974 ist die logische Folge.

Und auf einmal trägt er den Rennoverall neben Legenden wie Graham Hill, James Hunt oder Niki Lauda. Eine Meile der Eitelkeiten, wie das Fahrerlager heute gerne bezeichnet wird, ist es damals nicht. Ganz im Gegenteil: „Wir waren ein familiärer Haufen, gingen zusammen abendessen, hatten Spaß und genossen die Zeit.“

Im Brabham verpasste Stuck seinen ersten Formel-1-Sieg.
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Eine Motorsport-Zeit, in der das Sterben dazugehört – der schwarze Traueranzug ist stets ein Teil des Gepäcks und nach den Rennen lautet die erste Frage: „Wen hat es heute erwischt?“ Die Unbeschwertheit ist schnell passé. Stuck: „Das Sterben hat den Blick auf das Leben komplett verändert. Wahrscheinlich haben wir uns deshalb alle so gut verstanden. Weil wir wussten, jedes Wochenende konnte das letzte sein. Im Cockpit war der Gedanke an den Tod aber tabu, das hast du nicht zugelassen.“

Sechs Saisonen fährt Stuck in der höchsten Motorsportserie. Die Chance, sein Talent in Zählbares umzumünzen, bekommt er 1977, als er den bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Brasilianer Carlos Pace im Brabham ersetzt. Bei jenem Team, das niemand Geringerem als Bernie Ecclestone gehört. Zwei dritte Plätze kann Stuck vorweisen, Ecclestone verlangt aber mehr: „Bernie sagte mir, ich müsste beim USA-Rennen gewinnen, dann würde ich das Cockpit bekommen.“ 16 Runden vor Schluss liegt Stuck in Führung – der PS-Gott will es jedoch anders, die Kupplung versagt und beendet die Träume des Bayern: „Ich habe nie ein F1-Rennen gewonnen, ja, aber ich habe überlebt – das war wohl mein größter Triumph.“

Die zweite Karriere: Was ihm in der Königsklasse nicht vergönnt ist, holt er aber in den 80er-Jahren in Le Mans nach. Bei Porsche „realisierte ich, dass ich meine Karriere nur ankurbeln kann, wenn ich Gas gebe. Ich hab’ zu mir gesagt: ,Du musst die Chance nützen, sonst ist es vorbei.‘“ Den Klassiker schlechthin, die 24 Stunden von Le Mans, gewinnt er 1986 und 1987. „Ein unbeschreibliches Gefühl. Du stehst mit deinen beiden Teamkollegen am Podest und da sind 100.000 jubelnde Fans.“

Den Geschmack des Siegeschampagners kann er auch in den 90er-Jahren genießen: 1990 ist die Blütezeit der DTM (Deutsches Tourenwagen Masters) – die Autohersteller stehen Schlange und zusammen mit Audi schnappt sich der heutige Jubilar den Gesamtsieg. Der nächste Meilenstein seiner zweiten Motorsport-Karriere.

In Le Mans beim 24-h-Klassiker stand er zweimal am obersten Podest
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Mitte der 90er geht es zurück zu Porsche, den dritten Le-Mans-Triumph verpasst der Wahl-Tiroler 1996 (2. Gesamtrang) nur hauchdünn.

Der letzte Vorhang fällt vor neun Jahren. Natürlich am Nürburgring. Dort erfüllt sich Stuck noch einen Herzenswunsch: Zusammen mit seinen Söhnen Ferdinand und Johannes bildet er ein Team. Ein emotionaler Abschluss, von dem er schon lange geträumt hat: „In Le Mans stand einmal über der Box: Andretti-Andretti-Andretti. Das wollte ich auch.“ 1988 nimmt der ehemalige Formel-1-Champion Mario Andretti mit seinem Sohn Michael und seinem Neffen John in Frankreich teil.

Tirol ruft: Abseits des glühenden Asphalts nimmt Stucks Leben 1990 eine Wendung. Bei einem Rückflug verhindert dichter Nebel eine Landung in München. Und so „sind wir unendlich lange in der Luft gekreist. Da habe ich in einer Zeitung auf einmal eine Immobilien-Werbung für Tirol entdeckt. Das wollte ich mir ansehen.“ Hingefahren, gekauft und geblieben – seit 30 Jahren atmet Stuck Tiroler Luft. Ein Umstand, den er besonders in der Corona-Krise mit seiner Ehefrau Uschi und seinen beiden Hunden noch mehr schätzen lernt.

Stuck im Gespräch mit Niki Lauda (r.).
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Das Erbe Schumachers: Nicht vor Ort, aber vom Tiroler Unterland aus verfolgt Stuck Mick Schumachers Formel-1-Aufstieg. Der Sohn von Rekordweltmeister Michael habe das Potenzial, eine neue Euphorie im europäischen Raum zu entfachen. „Nur gebt dem Jungen bitte seine Zeit. Du kannst nur den Hut ziehen, was Mick bis jetzt schon geleistet hat. Man darf nie vergessen, wie schwer er es hat. Der kommt nach Hause und im Nebenhaus liegt der kranke Papa.“

Zum 70er wünscht Stuck sich zum Abschluss, dass man die Pandemie im Motorsport nützt, um alle Steine umzudrehen: „Brauche ich so viele Rennserien? Das ganze künstliche Zeug wie DRS (Überholhilfe, Anm.) muss weg. Der F1-Pilot gehört in den Mittelpunkt. Eines ist auch klar: Wir werden in den nächsten zehn Jahren nie mehr solche Summen, sprich 400 Millionen Euro plus, zur Verfügung haben, und das ist gut so.“

Steckbrief Hans-Joachim Stuck

Formel-1-Karriere: 1974–79;

Teams: March (1974–77), Brabham (77), Shadow (78), ATS (79). Podestplätze: 2; WM-Pkte: 29.

Le Mans: 18 Starts, 2 Siege (1986/87) mit Porsche.

DTM: Gesamtsieg 1990, 13 Siege.

Privat: verheiratet mit Uschi (vierte Ehefrau); Söhne Johannes und Ferdinand.

Sonstiges: Den Spitznamen „Strietzel“ verdankt er seiner Patentante, die bei seiner Taufe eine Ähnlichkeit mit einem Hefezopf (Schlesisch: Strietzel) festgestellt haben soll.


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