Franz von Defregger: Der Maler von Hirnferien und feiner Delikatessen

Vor 100 Jahren ist der als „Bauernmaler“ zum Münchner Malerfürsten aufgestiegene Osttiroler Franz von Defregger gestorben.

Französisch inspiriert ist die 1868 gemalte „Rothenburger Fassade“.
© Tiroler Landesmuseen

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Als Franz von Defregger am 2. Jänner 1921 im Alter von 86 Jahren in seiner feudal klassizistischen Münchner Villa friedlich für immer eingeschlafen ist, war er zwar ein hoch angesehener und reicher Mann, seine Kunst war allerdings schon damals hoffnungslos aus der Zeit gefallen. Hatten doch seit den 1910er-Jahren Maler wie Braque, Picasso oder Kandinsky begonnen, das Abbild der Wirklichkeit abstrakt zu dekonstruieren oder – wie die Expressionisten – dieses zum kraftvollen Ausdrucksträger zu transformieren. Ein Schritt, den Defregger im Gegensatz zu seinem ebenfalls aus der Historienmalerei kommenden, allerdings eine knappe Generation jüngeren Osttiroler Landsmann Albin Egger-Lienz nie machen sollte. Und auch nicht wollte, konnte er mit allen diesen modernen Strömungen doch absolut nichts anfangen.

Defreggers Selbstporträt (Ausschnitt) als 48-Jähriger.
© TLM

Zu wohl fühlte er sich in seiner Rolle als „Münchner Malerfürst“, dessen Lebensstil letztlich so gar nicht zu seinem Image als „Bauernmaler“ passte. Sich allerdings als fabelhaftes Geschäftsmodell erwies, wurden Defregger seine Bilder einer scheinbaren „heilen“, von fröhlichen SalontirolerInnen bevölkerten Welt doch regelrecht aus der Hand gerissen. Verschafften seine Bilder dem Publikum doch so etwas wie „Hirnferien“. Auch William Henry Vanderbilt, der Ende des 19. Jahrhunderts als reichster Mann Amerikas galt.

Dass Defreggers bäuerliche Genres und mit großem Pathos aufgeladene Historienbilder so ganz dem Klischee nationalsozialistischer Kunstauffassung entsprachen, liegt auf der Hand. Was Defregger zum Lieblingsmaler Hitlers werden ließ, in dessen Berchtesgadener Berghof etwa „Andreas Hofers letzter Gang“ hing.

Vielleicht mit einer der Gründe, warum seine Kunst in den letzten Jahrzehnten als heillos verstaubt und verlogen verschrien ist. Ein Bild, das das Tiroler Landesmuseum in seiner von Peter Scholz klug kuratierten Schau anlässlich Defreggers 100. Todestag gründlich zurechtrückt. Indem hier zwar auch der allseits bekannte Maler opulent zelebrierter Historienschinken zu sehen ist, aber eben auch ein anderer, komplett unbekannter Defregger.

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Einmal kein Salontiroler: Franz von Defreggers Porträt von „Rocky Bear“, um 1890.
© Tiroler Landesmuseen

Der vom feinen Realismus eines Gustave Courbet oder Jean-François Millet inspirierte Maler koloristisch delikater Landschaften und sensibler Menschenbilder. Die der wohlbestallte Professor an der Münchner Akademie, an der er einst selbst bei Carl Theodor von Piloty studiert hatte, letztlich ganz allein für sich gemalt hat. Darunter auch Aktdarstellungen, die man in ihrer Freizügigkeit Defregger niemals zugetraut hätte, oder Menschen anderer Kulturen genauso wie religiöse Motive.

Franz von Defregger muss auf jeden Fall eine höchst vielschichtige Persönlichkeit gewesen sein. So hatte er auch absolut kein Problem, Bilder von Künstlerkollegen, etwa Franz Leibl, haargenau zu kopieren, genauso wie seine eigenen, sofern es der Kunstmarkt verlangte. Und er hatte auch nichts dagegen, dass seine Kunstwerke in diversen Facetten bzw. Techniken reproduziert und weltweit vertrieben wurden, um auf diese Weise indirekt zu einem wichtigen Motor für den aufkommenden Tourismus in Tirol zu werden.

Dem Menschen Franz von Defregger begegnet der Ausstellungsbesucher fast live in einem kurzen, um 1910/15 von seinem Sohn gedrehten Film, in dem sich der alte Meister als Bauer samt kleinem Enkel und Hund selbst inszeniert.


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