Lucile und Carolin G.: Zwei Mordfälle, eine Spur

In Kufstein und Endingen bei Freiburg wurden junge Frauen getötet. Wie der Täter ermittelt werden konnte, erklärt der pensionierte Polizist Walter Roth in einem Buch.

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Am Inn bei Kufstein wird im Jänner 2014 die Austauschstudentin Lucile aufgefunden.
© ZOOM-TIROL

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Lucile und Carolin G. wurden von ein und demselben Mann getötet. Der rumänische Lkw-Fahrer ist inzwischen verurteilt. Bis die Polizei dem Mann die Morde an der französischen Austauschstudentin in Kufstein im Jänner 2014 und an der Joggerin zweieinhalb Jahre später in Endingen bei Freiburg nachweisen konnte, waren intensive Ermittlungen nötig – und vielleicht auch eine kleine Portion Glück. Wie der Täter gefasst werden konnte und weitere spannende Einblicke in die Arbeit einer Sonderkommission gibt der inzwischen pensionierte Polizist Walter Roth in seinem Buch „Soko Erle“.

Ex-Polizist Walter Roth.
© dpa/Seeger

Roth war in seiner aktiven Zeit zunächst Kriminalbeamter, später dann Pressesprecher beim Polizeipräsidium Freiburg. In dieser Funktion hatte er ab November 2016 auch die Aufgabe, alle Entwicklungen rund um die Ermordung einer damals 27-jährigen Joggerin in Baden-Württemberg zu kommunizieren. An den Moment im Jänner 2017, als klar war, dass der Fall mit der Ermordung Luciles, damals 20 Jahre alt, in Kufstein zusammenhängt, erinnert er sich gut. Kooperiert hätten österreichische und deutsche Beamte bereits vorher, Daten und Schriftsätze seien ausgetauscht worden, die Taten verglichen worden. „Die Österreicher hatten die geniale Spur mit der Tatwaffe. Und fremde DNA-Spuren an einer Zigarette, die dem Täter zugeordnet werden konnten“, sagt Roth. In Endingen sei auch DNA gefunden worden, die jedoch „nicht gut genug gewesen ist, um sie durch die Datenbank laufen zu lassen“.

Sehr wohl aber konnte sie „mit anderen Spuren oder gezielt mit bestimmten Personen verglichen werden“. Dann der Treffer. Die Zusammenarbeit wurde vertieft. Das Gros der Nachforschungen übernahm die Polizei in Baden-Württemberg. Nicht aus Faulheit oder Unfähigkeit der Österreicher, betont Roth. „Die Deutschen hatten eine Soko zur Verfügung, eine sofort funktionale. Die Ermittler waren da und topmotiviert. In Tirol hätte das alles neu und aufwändig aufgestellt werden müssen.“

In Endingen bei Freiburg wird im November 2016 eine Joggerin getötet. Der Täter ist derselbe wie in Kufstein, wie die Ermittler einige Zeit später herausfinden.
© APA/dpa/Patrick Seeger

Die Mühen waren von Erfolg gekrönt. Über die in Kufstein gefundene Tatwaffe, eine Hubstange, konnte das Lkw-Modell ermittelt werden, mit dem der Mörder unterwegs war. Ein Abgleich der Mautdaten brachte schließlich den Durchbruch. „Es war nicht Spur 13 oder 250, sondern Spur 4334. Das zeigt, wie lang bei solchen Ermittlungen der Weg zum Erfolg sein kann. Und es sagt viel über das Durchhaltevermögen der Kriminalisten aus“, meint Roth. „Wenn du weißt, dass ein Fall geklärt ist, macht sich Erleichterung breit. Bei mir, in meiner Funktion als Pressesprecher, gingen die Gedanken schnell in Richtung Verkündung der Ergebnisse in Gestalt einer Pressekonferenz, weil diese ja vorbereitet werden muss.“ Er habe sich etwa gefragt, wer aller verständigt werden müsse.

„Soko Erle, Der Mordfall Carolin G.“: Autor Walter Roth gibt auf 240 Seiten Einblicke in die Arbeit einer Sonderkommission; Preis 15,50 Euro; hansanord Verlag 2020.
© Hansanord-Verlag

Es gab immer wieder Vorwürfe an die Tiroler Ermittler, weil diese – obwohl alle notwendigen Spuren vorlagen – den Fall nicht lösten. „Die Kritik haben wir nie geteilt“, sagt Roth. „Und ich habe das auch immer betont, als ich in meiner Funktion als Pressesprecher von Medien damit konfrontiert wurde. Und darauf hingewiesen, dass man einen zurückliegenden Sachverhalt immer so bewerten sollte, wie er sich in der damaligen Gegenwart dargestellt hat. Die österreichischen Ermittler hatten 43.000 Mautdatensätze und keinen blassen Schimmer, wonach sie suchen sollten.“ Die länderübergreifende Zusammenarbeit sei der Schlüssel gewesen. „Jeder Fall für sich wäre wahrscheinlich ungeklärt geblieben.“

Warum hat Walter Roth diese Geschichte niederschrieben? „Krimis sind schön und gut und sicher auch spannend zu lesen. Ich wollte aber den Menschen. die es interessiert, an diesem Beispiel zeigen, wie eine Sonderkommission wirklich funktioniert.“


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