Burgtheater überzeugt mit Online-Stück über Transhumanismus

Wie man live, aber dennoch online ins Theater gehen kann, hat in diesem Jahr unter anderen das Kollektiv Nesterval gezeigt. Das Burgtheater legt nun mit „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ des britisch-irischen Regie-Duos Dead Centre eine Ebene drauf. Der virtuellen Premiere folgten am Silvesterabend 100 Zuschauer, die auf den Rängen des Burgtheater-Kasinos via iPads zu sehen waren, während Michael Maertens sich 50 Minuten lang dem Transhumanismus widmete.

Begonnen hat die Aufführung allerdings bereits Tage davor: Wer sich ein Ticket kauft, erhält einen Link, unter dem Maertens per Video Anweisungen gibt, wie sich die Zuschauer (für wenige Momente) selbst filmen sollen. So sind sie dann auch während der Vorstellung auf den iPads zu sehen, während sie selbst zu Hause auf der Couch sitzen und das ganze Spektakel ganz ohne Live-Schaltung aus dem eigenen Wohnzimmer verfolgen. Klingt verwirrend? Ist es auch. Dass das Publikum zwar live dabei ist, auf den Tablets aber in einer aufgezeichneten Version präsent ist, ist für das Regieduo Ben Kidd und Bush Moukarzel das Besondere, das „Dissonante und Poetische“ an dem Stück, das sich unter anderem durch diesen Umstand von anderen Onlineevents unterscheide, wie die beiden vorab im APA-Interview erläuterten.

Das Stück haben die beiden Regisseure in nur wenigen Monaten im Zuge der Pandemie geschrieben. Ausgangspunkt war die Reportage „Unsterblich sein“ des irischen Journalisten Mark O‘Connell, der sich in seinem Buch mit dem Thema des Transhumanismus beschäftigte: Einer Bewegung, die unter den Beschränkungen des Körpers leidet und die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz von Technik erweitern will. „Man hört ja oft, dass das Theater ein sterbendes Medium sei und ich glaube, das stimmt auch - es ist das Sterbe-Medium, ein Ort, an dem wir gemeinsam in Echtzeit sterben“, sagt Maertens alias O‘Connell gleich zu Beginn des Abends. „Deswegen ist es herrlich, heute am 31. Dezember um 18.07 Uhr gemeinsam die nächsten 40 Minuten zu sterben“.

Gestorben wird zwar nicht, das Stück kreist allerdings um das Thema des dysfunktionalen Körpers und die Möglichkeit, das Bewusstsein eines Tages in eine „Cloud“ hochladen zu können, um irgendwann in der Zukunft wieder auferstehen zu können. Für sein Buch hat O‘Connell zahlreiche Vertreter des Transhumanismus wie etwa den Biohacker Tim Cannon oder den Futuristen Max More getroffen, die sich teilweise Apparaturen in den Körper einpflanzen oder Firmen betreiben, in denen sich Menschen nach ihrem Ableben konservieren lassen können. All die Erzählungen, gepaart mit einem Quäntchen Kritik, haben Dead Centre gemeinsam mit O‘Connell in diesen Text gegossen, der im Herbst in Dublin zur Uraufführung kam.

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Mit Michael Maertens wurde ein glaubwürdiges Alter Ego O‘Connells gefunden, der umgeben von Kameras, Computern und sehr viel Technik ein Theaterstück aufführt, das die Menschen zu Hause und nicht im Kasino verfolgen. Die ständige Metaebene, die von der Pandemie erzwungene Virtualität, die vielleicht nicht so schnell vorbei sein wird, wie es sich manche wünschen, macht den Abend zu einem sehenswerten Theatererlebnis. Dass man im Publikum - das immer wieder zu sehen ist - den einen oder die andere (er)kennt, macht einen weiteren Reiz aus und führt zugleich vor Augen, dass es diesmal keinen Pausen-Smalltalk geben wird.

Dass das Thema Transhumanismus gar nicht so weit hergeholt ist, wird an einer Stelle des Abends besonders deutlich: „Trägt jemand orthopädische Einlagen? Haben Sie ein Hörgerät?“, fragt Maertens, während die Gesichter der Zuschauer herangezoomt werden. „Tragen Sie einen Herzschrittmacher? Benutzen Sie die Spirale? Sind Sie Rollstuhlfahrerin? (...) Wenn Cyborgs menschliche Körper sind, die durch technologische Hilfsmittel unterstützt und erweitert werden, sind wir dann nicht sowieso schon welche?“ Dass die Erweiterung noch nicht ganz optimal ist, wird spätestens dann deutlich, wenn der Abend vorbei ist. Und keiner applaudiert. Obwohl sich dieser Abend tatsächlich herzlichen Beifall verdient hätte.

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