Erste Sonntagsproteste im neuen Jahr in Weißrussland

Zum ersten Mal im neuen Jahr haben sich Menschen in Weißrussland (Belarus) am Sonntag laut Internet-Medien zu ihren traditionellen Sonntagsprotesten versammelt. Über Festnahmen war vorerst nichts bekannt. In den vergangenen Wochen waren Sicherheitskräfte oft brutal gegen friedliche Demonstranten vorgegangen. Nach offener Kritik an der weißrussischen Regierung und der Polizeigewalt trat unterdessen der Erzbischof von Minsk, Tadeusz Kondrusiewicz, zurück.

Das unabhängige Nachrichtenportal tut.by zeigte am Sonntag Videos von Protestierenden, die mit den weiß-rot-weißen Fahnen der Opposition durch Wohngebiete der Hauptstadt Minsk zogen und „Es lebe Belarus“ riefen. Seit dem Beginn der Proteste vor fast fünf Monaten kamen mehr als 30.000 Menschen in Polizeigewahrsam. Auch Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja veröffentlichte am Sonntag aus ihrem Exil in Litauen Videos auf Twitter. Nach all den Wochen forderten die Demonstranten noch immer dasselbe, schrieb sie: „Gewaltfreiheit, die Freilassung politisch Gefangener und neue, faire Wahlen“.

Papst Franziskus akzeptierte am Sonntag die Amtsniederlegung des Erzbischofs von Minsk, Tadeusz Kondrusiewic, wie der Vatikan mitteilte. Kondrusiewicz scheide aus Altersgründen aus seinem Amt aus. Bischöfe können im Alter von 75 Jahren in den Ruhestand gehen. Kondrusiewicz erreichte dieses Alter just am Sonntag.

Der studierte Maschinenbau-Ingenieur Kondrusiewicz leitete die römisch-katholische Kirche in Minsk seit 2007, ab 2015 auch als Vorsitzender der Weißrussischen Bischofskonferenz. Zuvor war er ab 1989 Apostolischer Administrator der Erzdiözese Minsk und nach 1991 Apostolischer Administrator der damals erst gerade errichteten Diözese für den europäischen Teil Russlands sowie seit 2002 erster Erzbischof der daraus hervorgegangenen Diözese zur Mutter Gottes mit Amtssitz Moskau. In dieser Funktion trat er oft in Erscheinung.

Internationales Aufsehen erregte Kondrusiewicz zuletzt, als er in den Protesten gegen Präsident Alexander Lukaschenko die Demokratiebewegung unterstützte. Ende August war er, nunmehr als Vorsitzender der Bischofskonferenz seines Landes, nach einem Besuch im benachbarten Polen von belarussischen Beamten an der Landesgrenze abgewiesen worden. Erst kurz vor Weihnachten hob die Regierung das Einreiseverbot auf. Papst Franziskus hatte unter anderem über einen Sondergesandten gegen die Maßnahmen interveniert.

Staatschef Lukaschenko warf dem Erzbischof eine „Verschwörung zur Zerstörung des Landes“ vor. „Die Weißrussen waren wahrlich gesegnet unter der Leitung des Erzbischofs gewesen zu sein“, schrieb die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja am Sonntag im Onlinedienst Twitter. Seit der Präsidentschaftswahl vom 9. August demonstrieren zehntausende Oppositionsanhänger gegen den seit 1994 autoritär regierenden Staatschef, dem sie massiven Wahlbetrug vorwerfen.

In Weißrussland sind Schätzungen zufolge 15 Prozent der 9,5 Millionen Einwohner Katholiken. Die meisten Weißrussen sind orthodoxe Christen. Die ehemalige Sowjet-Republik steckt seit der weithin als gefälscht geltenden Präsidentenwahl am 9. August in einer schweren innenpolitischen Krise. Nach 26 Jahren an der Macht hatte sich der als „letzter Diktator Europas“ kritisierte Alexander Lukaschenko mit 80,1 Prozent erneut zum Sieger erklären lassen. Die Demokratiebewegung sieht hingegen Tichanowskaja als Gewinnerin. Auch die EU erkennt Lukaschenko nicht mehr als Präsidenten an.


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