Eine knifflige Politkonstellation in Jenbach

Bei den Gemeinderatswahlen 2022 bekommt Jenbachs VP-Bürgermeister Dietmar Wallner Konkurrenz aus dem eigenen Mitarbeiterstab: Der Bauamtsleiter kandidiert bei der SPÖ.

Im Jenbacher Gemeindeamt arbeiten BM Dietmar Wallner (l.) und Bauamtsleiter Christian Wirtenberger (r.) zusammen. Politisch werden sie nun zu Konkurrenten.
© Dähling (2), Zwicknagl

Von Angela Dähling

Jenbach – Er gehört schon zum Inventar im Jenbacher Gemeindeamt: Christian Wirtenberger. Seit 1989 steht er in Diensten der Gemeinde, seit über 30 Jahren ist er Chef des Bauamtes. Der pragmatisierte Beamte will mit den Gemeinderatswahlen 2022 nun auch eine politische Karriere starten – auf einer neuen SPÖ-Liste.

Wenngleich Wirtenberger nicht deren Vorsitz innehaben und damit nicht als Bürgermeister kandidieren wird, entbehrt dieses Vorhaben nicht einer gewissen Pikanterie. Denn wenn der Bauamtsleiter in den Gemeinderat einzieht, würde er zur politischen Opposition von VP-Bürgermeister Dietmar Wallner zählen.

Warum tut er sich das an, wo er zudem 2024 pensioniert wird? „So verwurzelt, wie ich in Jenbach bin, kann ich nicht mehr weiter anschauen, wo das hingeht“, sagt Wirtenberger. Was er genau am Kurs von BM Wallner kritisiert? „Seitdem er Bürgermeister ist, geht außer dem Parkhausbau beim Bahnhof nichts weiter. Es wird lediglich umgesetzt, was bereits unter Bürgermeister Holub beschlossen wurde“, kritisiert Wirtenberger. „Die Wirtschaft wird weiterhin vernachlässigt, es fehlen Ideen und Visionen für Jenbach“, fährt er fort.

Als ein Beispiel nennt er die Untere Achenseestraße, die in den nächsten Jahren zur Begegnungszone umgebaut wird. „Den Wirtschaftstreibenden dort müsste man helfen mit einem echten Konzept. Denn wenn ich sie nicht leben lasse und ihnen keine gescheiten Rahmenbedingungen gebe, kann es bei diesem 4-Mio.-Euro Bauprojekt keine Begegnung dort geben“, meint der Bauamtsleiter. Auch ein Verkehrskonzept sei dringend nötig, für das er mehrfach vergeblich um Budgetmittel gebeten habe, erklärt Wirtenberger. Auch weil über Jahrzehnte ein großes Augenmerk auf den sozialen Wohnbau gelegt und dabei die Wirtschaft und die Infrastrukur von der Kinderbetreuungseinrichtung bis zum Friedhof vernachlässigt worden sei, gebe es viel Handlungsbedarf. Auf die Frage, ob da nicht unter SPÖ-BM Holub schon viel schieflief, meint Wirtenberger: „Da ist schon vor Holubs Amtszeit viel kaputtgemacht worden.“

Derzeit entstehen wieder rund 200 neue Wohnungen in Jenbach. Manche Bürger halten das für unnötig. Wirtenberger gibt sich zwiegespalten: „Die Gemeinde hat bei den meisten das Vergaberecht. Und solange es Bedarf innerhalb der Jenbacher Bevölkerung gibt, wird man sie bauen müssen. Selbst am freien Markt ist die Nachfrage an Wohnraum in Jenbach hoch.“ Was der Bauamtsleiter kritisiert, sind die Vergaberichtlinien: „Es reicht, fünf Jahre in Jenbach zu wohnen, um sich um eine Gemeindewohnung bewerben zu können.“

Bürgermeister Dietmar Wallner sieht das alles freilich anders. Aus dem Geld, das der Marktgemeinde zur Verfügung stehe, hole man das Maximum heraus, meint er. „An der vielen Arbeit, die unser Bauamtsleiter hat, sollte er erkennen, dass viel weitergeht“, meint BM Wallner und nennt u. a. den Bau eines neuen Kindergartens als eines der laufenden Projekte.

Für die Ortskernbelebung und den Bürgerbeteiligungsprozess habe er sich mit seiner Liste bereits vor seiner Amtszeit als Bürgermeister im Gemeinderat starkgemacht. Was das angeblich fehlende Konzept für die Wirtschaftstreibenden in der Unteren Achenseestraße betrifft, meint der Ortschef, dass sich darum der Marketingausschuss kümmere.

In Bezug auf die Wohnungssituation und die Vergaberichtlinien für Gemeindewohnungen in Jenbach verweist BM Wallner zunächst auf Landesrichtlinien zur Mietzinsbeihilfe. „Unsere Vergaberichtlinien haben wir daraufhin entsprechend angepasst. Und dass auch Drittstaatenangehörige um eine Gemeindewohnung ansuchen können, liegt an einem Antrag der Grünen vor sechs oder sieben Jahren, dem sich der Gemeinderat anschloss“, erläutert BM Dietmar Wallner. „Wir versuchen bei jeder einzelnen Vergabe einigermaßen gerecht vorzugehen und keine Willkür gelten zu lassen. Zudem ist es uns ein Anliegen, eine ethnische Durchmischung in den Wohnhäusern abzubilden.“

Über eine Änderung der Vergaberichtlinien könne man aber immer reden, so Wallner. Er bezeichnet Jenbach als „prosperierende Gemeinde mit vielen Arbeitsplätzen und wenn wir so viele Versäumnisse hätten, würden nicht so viele Menschen so gern in Jenbach wohnen“.

Wie es ihm damit geht, dass sein Bauamtsleiter politisch in der Opposition aktiv wird? „Ich erwarte mir so viel Professionalität, dass er seine politische Arbeit und jene im Amt trennt“, meint der Bürgermeister. Und wie geht es umgekehrt Christian Wirtenberger in der neuen Situation? „Der Bürgermeister arbeitet nicht gegen mich, aber er sagt mir verständlicherweise nicht mehr alles.“


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