„Man könnte flächensparendes Bauen finanziell belohnen“

Die Tiroler Bevölkerung reagiert zunehmend empört auf den Flächenfraß. Die Ausstellung „Boden für Alle“ in Wien zeigt auch Tiroler Probleme auf. Die Zeit drängt.

Der Flächenverbrauch ist zuletzt doppelt so schnell gewachsen wie die Bevölkerung.
© Thomas Boehm / TT

Von Sabine Strobl

Innsbruck – Wie viel Fläche darf noch verbaut werden? Auf diese Frage reagieren die Tiroler zunehmend empfindlich. Während Innervillgraten für einen Baukulturpreis nominiert ist, hat sich die Gemeinde Kematen eine Nachdenkpause in Sachen Wohnbau verordnet. In den vergangenen Tagen erhoben viele Menschen ihre Stimme, um gegen eine weitere Verbauung des Haiminger Forchet, eines der letzten Naturwälder im Inntal, einzutreten.

Auch von sämtlichen Organisationen (siehe Kasten) hagelte es heuer Kritik zum wieder gestiegenen Flächenfraß. Laut einer Umfrage des WWF sind 86 Prozent der Bevölkerung für strengere Gesetze und Maßnahmen gegen den hohen Bodenverbrauch. 73 Prozent der Befragten wird in ihrer Umgebung zu viel neu gebaut.

„Reden wir nicht von Urenkeln, sondern von den nächsten Jahren“, sagen Katharina Ritter und Karolina Mayer, Kuratorinnen der Ausstellung „Boden für Alle“ im Architekturzentrum Wien (die nach dem Lockdown bis Mai läuft und wo derzeit online geschnuppert werden kann). „Es geht darum, die Problematik zu begreifen, da Neuerungen Zeit brauchen. Wir waren bei der Recherche selbst über die zeitlichen Dimensionen schockiert“, sagt Ritter.

Bodenverbrauch und ein Fotoprojekt

Fataler Kreislauf. Der Bodenverbrauch führt zum Ressourcenschwund in der Landwirtschaft und zum Verlust der Artenvielfalt. Der WWF startete kürzlich eine Petition gegen den Flächenfraß. 2019 wurden in Österreich täglich 13 Hektar Wiesen und Äcker versiegelt. Das entspricht 20 Fußballfeldern pro Tag, mahnt die Hagelversicherung. Wird das Bodenschutzziel Österreichs eingehalten, gebe es Baulandreserven für 80 Jahre. Widmungen sollten laut Hagelversicherung mit Rückwidmungen kompensiert werden. Der Verkehrsclub Österreich fordert, dass die Pkw-Stellplatzverpflichtung abgeschafft werden soll.

Nein und Ja-Bitte. Bauen ist für 60 Prozent des globalen Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Das Architekturzentrum Wien fragt nach guten und schlechten Beispielen im Umgang mit dem Boden und lädt bis 28.2.21 zum Fotobewerb. Bilder können mit dem Hashtag #ZukunftReparieren versehen gepostet werden.

Tirol liefert mit Kitzbühel als teuerster Gemeinde Österreichs die Grundlage für eine Rechnung, die in der Ausstellung präsentiert wird und wieder einmal das Problem Bodenpreis in Tirol offenlegt. Die burgenländische Gemeinde Deutsch Schützen-Eisenberg ist laut Statistik Österreich die günstigste österreichische Gemeinde, was den Boden betrifft. 1 Quadratmeter Grünland kostet 2,80 Euro, in Kitzbühel dagegen 10,50 Euro. In Deutsch Schützen-Eisenberg bezahlt man für 1 Quadratmeter Bauland 7,80 Euro. In Kitzbühel stolze 1712,70 Euro pro Quadratmeter. Das ergibt ein Plus von 16.000 Prozent.

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Bei einer Wertsteigerung von Boden in diesem Ausmaß werden Umwidmungen zu einer heißen Sache. Nicht nur im touristischen Luxussegment, sondern auch in den Ballungsräumen. In Fachkreisen wird deshalb diskutiert, Umwidmungen aus dem Zuständigkeitsbereich der Gemeinden herauszulösen und in eine Bundesraumordnung einzugliedern, die wiederum in den Ländern agiert.

Die Kuratorinnen führten zahlreiche Interviews mit Fachleuten. Die Probleme sind bekannt, Vorschläge gibt es viele, auch um das Geflecht der Zuständigkeiten zwischen Gemeinden, Land und Bund zu modernisieren. In der Schweiz etwa wurde eine Mehrwertabgabe (für Boden) eingeführt. Das heißt die Wertschöpfung aus hohen Bodenpreisen kommt auch der Allgemeinheit zugute und soll in sinnvolle Raumplanung investiert werden. In Tirol bestehe vor allem die Notwendigkeit, vorerst die Baulandreserven der 1960er-Jahre aufzubrauchen. Ritter: „Man könnte auch flächensparendes Bauen finanziell belohnen sowie Planungsverbände und unabhängige Planungsbeiräte etablieren.“ Mayers Einschätzung: „Auf Landesebene ist derzeit mehr Bewusstsein gegenüber dem Flächenverbrauch vorhanden als auf Bundesebene.“ Ein gesetzlicher Rahmen auf Bundesebene bleibe trotzdem unerlässlich.

Um noch auf den Trend Chaletdörfer zu kommen. Höher gelegene Flächen werden durch den Klimawandel auch für die Landwirtschaft und die Versorgung interessant. Denn im Zuge der Erderwärmung rechnen Klimaforscher mit massiven landwirtschaftlichen Ertragseinbußen in heutigen Gunstlagen wie dem Marchfeld.


Kommentieren


Schlagworte