„Pieces of a Woman“ auf Netflix: Eine Frau im freien Fall

Kornél Mundruczó spürt in seinem US-Debüt „Pieces of a Woman“ dem Schmerz einer Mutter nach. In Venedig gewann Vanessa Kirby dafür den Schauspielpreis.

Vanessa Kirby wurde für ihre Darstellung einer traumatisierten Frau bei den Filmfestspielen in Venedig 2020 mit der Coppa Volpi ausgezeichnet.

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Eine Heimgeburt ist heutzutage keine gute Idee. Das wird nach der halbstündigen ungebrochenen Szene einer Niederkunft am Beginn von „Pieces of a Woman“ klar. Jeder Mensch, der schon einmal bei einer Geburt dabei war – oder selbst eine durchgestanden hat! –, wird den Realismus dieser intensiven und intensiv recherchierten filmischen Umsetzung zu schätzen wissen. Die Britin Vanessa Kirby („The Crown“) demonstriert in ihrer ersten Hauptrolle als hoffnungsvolle Mutter Martha zunächst eindrucksvoll die körperlichen Schmerzen der Geburt. Nur um dann, nach Komplikationen ohne das rettende Krankenhaus-Equipment, den ungleich herzzerreißenderen seelischen Schmerz zu erleiden.

An ihrer Seite kämpft Ehemann und Ex-Alkoholiker Sean (Shia LaBeouf) mit seiner emotionalen Hilflosigkeit, halb unterstützend-sensibel, halb gefangen in seiner anachronistischen männlichen Beschützerrolle. Alte Konflikte mit der reichen Schwiegermutter (Ellen Burstyn) brechen wieder auf. Als proletarischer Vorarbeiter baut er gerade an einer Autobahnbrücke im winterlichen Boston – eine etwas überdeutliche Metapher, die die mehrmonatige Geschichte aber zeitlich und örtlich gut verortet. Anschuldigungen gegen die Hebamme geben der Wut eine juristische Richtung und dem Film einen dünnen, etwas unnötigen Plot. Doch die Schuldfrage kann, wie so oft, den Schmerz nicht auflösen.

„Pieces of a Woman“ ist das englischsprachige Debüt des mehrfach ausgezeichneten ungarischen Film- und Theater-Regisseurs Kornél Mundruczó. Nach mehreren Verschiebungen realisierte er den Film im Herbst und Winter 2019 – und cancelte dafür kurzfristig ein Engagement am Wiener Burgtheater, wo er „Tosca“ mit Birgit Minichmayr inszenieren sollte.

Trailer „Pieces of a Woman“

Das Drehbuch stammt von Kata Wéber, die ihr eigenes Bühnenstück adaptierte. Das Ehepaar Wéber-Mundruczó verarbeitet darin nach eigenen Angaben eine ihrer „persönlichsten Erfahrungen“, die jener im Film ähnlich, aber nicht die gleiche sei.

Diese emotionale Ehrlichkeit ist auch in „Pieces of a Woman“ spürbar, getragen vom „Glauben, dass Kunst die beste Medizin gegen den Schmerz ist“, wie Mundruczó schreibt. Die Leitfrage, die sie dabei stellen, lautet: „Können wir im freien Fall der Trauer einen Partner haben oder sind wir allein?“

Vanessa Kirbys Protagonistin ist das blutende Herz dieses Dramas, zugleich roh und ungewöhnlich unnahbar – eine glaubhafte Figur, die weit mehr als nur Mitleid evoziert. Auch noch mit einer weiteren intensiven Rolle im Wettbewerb des Venedig-Festivals vertreten, gewann sie für die Darstellung in „Pieces of a Woman“ den Schauspielpreis am Lido.

Der Film wird so vor allen Dingen zu einer nicht besonders bescheidenen Schauspiel-Kür, dem die europäische Theater-Vorlage im Guten wie im Schlechten noch anzumerken ist. Als psychologisches Porträt einer gebrochenen Frau fügen sich die Teile aber zu einem schonungslos-intensiven, ehrlichen und am Ende sogar noch optimistischen Erwachsenen-Drama zusammen.

Pieces of a Woman. Derzeit auf Netflix.


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