Die Suche nach der verschollenen Jugend: „Kreisky" mit neuem Album

„Kreisky“ veröffentlichen mit dem sechsten Studioalbum kommende Woche neue Lärmmusik. Grantig erinnern sie sich an die Jugendzeit.

Seit 2005 heißt das Quartett „Kreisky“: Bassist Helmuth Brossmann (ganz links) ist neu in der Formation.
© Ingo Pertramer

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck — Seine Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Da versperrt ein Audi die Einfahrt, da zerstört eine Drohne über dem hauseigenen Pool die sommerliche Idylle, schon ist das Schreiduell über den Nachbarschaftszaun eröffnet. Wer besonders fies sein will, der erhebt gar das Wort gegen die Nachbarskinder. Noch besser, der stellt die eine Diagnose. Vielleicht in Zukunft mithilfe eines Songs: „Euer Kind hat ADHS", brüllen Kreisky in ihrer neuen Single „ADHS" passenderweise. Ein Soundtrack, auf den es sich wunderbar einstimmen lässt, auch ohne Audi oder Pool.

Wer „ADHS", den Vorboten zum neuen Kreisky-Album, hört, weiß Bescheid: Sie sind grantig. Grantig zurück. Die nunmehr sechste Kreisky-Platte erscheint kommende Woche. Sie heißt zwar „Atlantis", verzichtet jedoch gänzlich auf ein untergegangenes Inselreich oder Indiana Jones. Dafür erzählt sie musikalische Kurzgeschichten von einer anderen Suche, etwa jener nach dem Freiheitsgefühl bei der ersten beschissen-schönen Interrail-Reise (in „Lonely Planet"). Oder „Atlantis" liefert die Story des isolierten Opfers, das nach Trost sucht und den Skisport findet (in „Abfahrt Slalom Super-G"). Keine verschollene Stadt, aber die verschollene Jugend, die abgelegte Gesundheit ist der Schatz, den die Mittvierziger besingen — nie ganz ohne Wehmut, aber immer mit ordentlich Schrägheit.

Verpackt hat das Wiener Quartett diese Erzählfragmente in den einen Sound, den Fans und Kritiker seit der Kreisky-Geburt 2005 schätzen: Lärmmusik mit Indie-Rock- und New-Wave-Elementen, unkonventionell, schrill, manchmal nervtötend.

📽️ Video | „ADHS" vom Album „Atlantis"

Schön schräg geraten

Schief klingen dürfen nicht nur Martin Max Offenhubers Gitarre, sondern auch Stimme und Text von Frontman und Teilzeit-„Austrofred" Franz Adrian Wenzl. Eindeutig gelungen ist ihm „Ein Fall fürs Jugendamt", auch weil dem Texter darin die Rhythmik gerade nicht gelingt. „Montag, Dienstag, Mittwoch, Donn-erstag, Freitag, Samstag, Sonntag / Die ganze Woche lang / Bist du ein Fall fürs Jugendamt", moniert er dort. Der Junge bekommt sein Fett weg, auch wenn der „Donnerstag" nicht in einer Zeile Platz hat. Wie schon in „Veteranen der vertanen Chance" (2018), in dem er Lottozahlen gesanglich rezitiert, beweist Wenzl: Niemand kann so schön aufzählen wie er.

Schön schräg geraten ist auch „Kilometerweit Weizen", das einen dunklen Schlagerrhythmus anschlägt. Aber von wegen „Ein Bett im Kornfeld"! Dieses Stelldichein endet als böses Horrormärchen. Und der freundlich-grüne Alien wird unfreundlich niedergetreten.

Ist das Kunst oder kann das weg, könnte man sich bei Kreisky durchaus fragen. Mit Orgelklängen gesäumt, liefert die Band möglichen Kritikern im Selbstermächtigungspop „Wenn einer sagt" aber gleich die passende Antwort: „Wenn einer sagt / was du da machst / ist der letzte Dreck / Sag es ist mein Dreck." Ja, Kreisky ist grantig. Aber grantig gut.

Indie-Rock. Kreisky: Atlantis. Wohnzimmer Records.

4 Fragen an Franz Adrian Wenzl (Frontman von „Kreisky")

1. Wie ist „Atlantis“ entstanden? Eigentlich gemeinsam. Und seit dem vorletzten Album auch in einem Studio. Dieses Mal starteten wir mit zwei fertigen Songs und einem Haufen Ideen. Die Songs entstehen relativ spontan, ich glaube, das merkt man ihnen auch an. Unser Album „Blitz“ war noch sehr poppig, „Atlantis“ ist im Arrangement detailverliebter.

2. Warum überhaupt „Atlantis“? Das hat mit dem Grundthema zu tun, es sollte ja um Jugend, Unschuld, das Abgebrüht-Werden gehen. Mich hat der Kipppunkt eines Menschen interessiert, der sich neu arrangieren muss. Wir haben natürlich auch nach einem clashigen Titel gesucht.

3. Wie erleben Sie die Lockdownzeit? Das Album hätte ja bereits im August erscheinen sollen, wir haben aber gleich gesehen, Tour wird sich keine ausgehen. Ich tue mir vergleichsweise leicht, da ich überall arbeiten kann. Natürlich ist es jetzt ja wichtig, dass es mit der Tour weitergehen kann.

4. 2017 stand Kreisky mit Sybille Berg auf der Theaterbühne, gibt es eine Rückkehr auf die Bretter, die die Welt bedeuten? Wir hätten definitiv Lust darauf. Es gibt auch eine Idee, aber die wird vor 2023 wohl kaum realisierbar. Die Theater müssen jetzt ihre aufgeschobenen Produktionen durchbringen. Dafür nehmen wir kommende Woche einen Soundtrack für einen Film auf.

Das Interview führte
 Barbara Unterthurner


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