„Hofhaus in Sebi“: Oase mit fein gefiltertem Fernblick in Niederndorf

Zentrum des Hauses, das Torsten Herrmann in Niederndorf für ein junges Paar gebaut hat, ist ein von außen praktisch uneinsehbarer Hof. Gebaut komplett aus Holz mit einem „Rückgrat“ aus Sichtbeton.

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Der Baukörper ist außen zur Gänze horizontal mit sägerauen bzw. glatt gehobelten Latten aus Weißtanne verschalt.
© Adolf Bereuter

Von Edith Schlocker

Niederndorf – Seit 2011 lobt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt gemeinsam mit dem Callwey-Verlag jährlich den Wettbewerb „Häuser des Jahres“ aus. Torsten Herrmann, der in Leipzig Architektur studiert hat und aus diversen Gründen in Innsbruck „hängengeblieben“ ist, um hier seit einigen Jahren ein kleines Architekturbüro zu betreiben, wollte es einfach wissen. Weshalb er mit dem von ihm geplanten „Hofhaus in Sebi“ am Wettbewerb teilgenommen hat. Nicht ahnend, dass er es mit diesem als einziges Tiroler Projekt in die von einer Fachjury kuratierte Auswahl der 50 „Häuser des Jahres 2020“ im deutschsprachigen Raum schaffen wird. Verbunden mit der opulent aufgemachten Präsentation „seines“ Hauses in dem gleichnamigen, im Callwey-Verlag erschienenen Buch.

Der Beweis für Herrmann, dass er mit seiner Art, Architektur zu denken, offensichtlich auf dem richtigen Weg ist. Gerade in Sachen Einfamilienhaus, einer Wohnform, deren diverser Problematiken er sich durchaus bewusst ist, sie aber trotzdem sehr mag. Liebt er es doch, sich intensiv auf potenzielle Bauherren, immer andere Orte und Nachbarschaften einzulassen. Auch bei dem Haus, das er für Dominik Matt und Kerstin Falkenhofer gebaut hat. Auf einem nur 490 Quadratmeter großen, von Straßen umzingelten Grundstück in einem eng parzellierten und heterogen bebauten neuen Siedlungsgebiet im Niederndorfer Ortsteil Sebi.

Keine leichte Ausgangssituation für den Architekten, der es angesichts dieser allerdings nicht schwer hatte, sein Faible für Hofhäuser der für unkonventionelle Ideen zugänglichen jungen Bauherrenschaft schmackhaft zu machen. Als Chance, das Umfeld möglichst auszublenden, ohne sich einzubunkern. Sondern durch Transparenzen Ein- wie Ausblicke gezielt zu filtern, zelebriert rund um ein sehr spezielles Stückchen Außenraum, das ganz für die Bewohner reserviert ist.

Mit hölzernen Schiebeelementen ist der Hof in Erdgeschoßhöhe an drei Seiten umbaut.
© Adolf Bereuter

Denn dieser Richtung Süden dem zweigeschoßigen Wohnhaus vorgelagerte „Hof“, auf dessen kleinem Rasenstück ein derzeit noch sehr kleiner Ahorn steht, ist an drei Seiten in Erdgeschoßhöhe umbaut. Mit an den Ecken und oben massiv gefassten, horizontal verlatteten Schiebeelementen aus Holz. Die bei geschlossenem Zustand dieses charmante räumliche Chamäleon nach außen fast komplett dichtmachen, allerdings ohne den Hausbewohnern den Blick auf die Berge oder in die Nachbarschaft zu verstellen. Das Außen allerdings angenehm filtern, genauso wie ein Zuviel an Sonnenlicht und Hitze.

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Praktisch komplett geschlossen ist die Nordseite.
© Adolf Bereuter

Torsten Herrmann hat vor einigen Jahren bereits für den Bruder von Dominik Matt ein Einfamilienhaus gebaut, das ihm so gut gefallen hat, dass sich die Frage nach dem Architekten überhaupt nicht stellte. Matt genauso wie seine Lebensgefährtin stammen aus der Region, sie beide sind in Einfamilienhäusern aufgewachsen und wollten selbst auch eines. Das sportliche junge Paar von seinen architektonischen Vorstellungen zu überzeugen, sei nicht schwer gewesen, sagt Torsten Herrmann, die Zusammenarbeit ideal, das persönliche Engagement groß, was sich unter anderem kostensparend in einem hohen Maß an Eigenleistung durch die Bauherren und ihre Familien niedergeschlagen hat.

Der Wohnraum öffnet sich durch raumhohe Schiebetüren zum Hof.
© Adolf Bereuter

Nicht zuletzt wegen einer denkmalgeschützten Scheune vis-a-vis war es für den Architekten völlig klar, dass es ein Holzhaus werden muss. Die von Holzbau Schafferer vorfabrizierten, perfekt gedämmten Module sind außen zur Gänze horizontal mit Latten aus Weißtanne verschalt. Die sägerau und offen gesetzt sind, was den klaren Baukörper samt Flachdach reizvoll zu entmaterialisieren scheint. Bei dem in die Kubatur hineingezogenen Eingangsbereich zu Haus wie Garage ist die Schalung dagegen geschlossen und das Holz glatt gehobelt. Eine Dualität, die das formal streng angelegte Gebäude reizvoll malerisch durchpulst, ihm jede Schwere nimmt.

Zwischen Sichtbetonscheiben ist die alle drei Ebenen verbindende Stiege eingeklemmt.
© Adolf Bereuter

170 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich im „Hofhaus in Sebi“ auf zwei Ebenen. Um den an einem leicht ansteigenden Hang liegenden Bauplatz optimal auszunützen, ist der Grundriss nur fast rechteckig, was dem Wohnraum in seiner nordwestlichen Ecke einen leicht spitzen Winkel beschert. Dieser großzügig dimensionierte, sich durch raumhohe Schiebetüren zum Hof öffnende Raum ist das „Herz“ des Hauses. Hier wird in einer weißen Küche gekocht, nebenan an einem großen Tisch gegessen bzw. neben einem offenen Kamin auf einer Sitzlandschaft ausgeruht. Vielleicht vom winterlichen Trockentraining auf dem Rennrad, das vor dem Westfenster mit unverstelltem Blick auf das Kaisergebirge steht.

Obwohl der Boden und die Türen aus geölter Eiche sind, glaubt man sich im Inneren nicht in einem Holzhaus. Sind die Wände und Decken doch durchgängig weiß, außer die zwei mächtigen Scheiben aus Sichtbeton, die sozusagen das „Rückgrat“ des Hauses vom Keller bis zum Obergeschoß bilden. Sie fungierten aber auch als Wärmepuffer, sagt Herrmann, und in sie ist auch die hölzerne Stiege eingehaust, die alle drei Ebenen verbindet. Das im oberen Geschoß liegende Schlafzimmer, das vielleicht zukünftige Kinderzimmer und das Arbeitszimmer orientieren sich Richtung Süden bzw. Westen, erschlossen durch einen schmalen Gang, der durch ein langes Fensterband in der sonst komplett öffnungslosen Nordfassade mit durch Lamellen gefiltertem Licht versorgt wird.

Hinter einer der beiden Betonscheiben ist auch das durch zwei Fenster belichtete, mit großen Fliesen aus hellem Feinsteinzeug ausgelegte Bad eingenistet. Die Sauna, die ursprünglich hier geplant war, gibt es nun allerdings im betonierten Fundament des Hauses. In dem für einen Keller nobel wie oben Eichendielen verlegt sind. Hier werden die Fahrräder und übrigen Sportgeräte von Kerstin Falkenhofer und Dominik Matt aufbewahrt, hier ist Platz für einen Massagetisch und jede Menge Stauraum. Im Keller ist aber auch der Technikraum für das per Luftwärmepumpe energetisch nachhaltig beheizte „Hofhaus in Sebi“ eingerichtet.


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