Ursprung des Coronavirus: „Untersuchung untersteht der Kontrolle Pekings“

Ein WHO-Team sucht in Wuhan nach dem Ursprung des Coronavirus. China-Experte Maull über die Rolle Pekings und die Rivalität Chinas mit den USA.

Der abgesperrte Fisch- und Wildmarkt in Wuhan im Jänner 2020. Dort soll das Virus übergesprungen sein.
© AFP

Innsbruck, Berlin – Nach langem Hinhalten ist gestern ein internationales Expertenteam im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der chinesischen Stadt Wuhan eingetroffen, um die Ursprünge des neuartigen Coronavirus zu erforschen. Zwei Experten des Teams dürfen zunächst nicht nach China einreisen. Bei den Wissenschaftern seien Covid-19-Antikörper festgestellt worden, hieß es. Die 13 anderen Wissenschafter mussten in Wuhan zunächst in Quarantäne.

In der zentralchinesischen Millionenmetropole wurde Ende 2019 der weltweit erste Infektionsherd des neuartigen Erregers festgestellt. Die Suche gilt als politisch heikel, um die Reise der Experten gab es bis zuletzt Gerangel.

Nach bisheriger Vermutung soll das neuartige Coronavirus auf einem Tiermarkt in Wuhan von einem Tier auf den Menschen übergesprungen sein. Vor allem die USA werfen China vor, mit einer Verschleierungstaktik zur weltweiten Ausbreitung des Erregers beigetragen zu haben. Die Suche nach dem Ursprung des Virus gilt als politisch hoch brisant. China fürchtet, als Schuldiger für die Pandemie angeprangert zu werden. Die Tiroler Tageszeitung sprach mit dem China-Experten Hanns W. Maull über die Mission der WHO, die Rivalitäten zwischen den USA und China und die neue Weltmachtrolle Chinas.

Hanns W. Maull.
© Maull

Es hat sehr lange gedauert, bis Peking einem WHO-Expertenteam erlaubte, nach Wuhan zu reisen, um dort die Ursprünge des neuartigen Coronavirus zu erforschen. Das Unterbinden einer transparenten Untersuchung wirft kein gutes Licht auf Peking. Was kann man von der Untersuchung erwarten?

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Hanns W. Maull: Es überrascht schon, dass Peking so lange gezögert hat. Wobei eines klar ist: Die Untersuchung untersteht der Kontrolle der chinesischen Regierung. Die Ergebnisse werden von Peking kontrolliert und dürfen wohl nicht dem offiziellen Narrativ widersprechen. Eine unabhängige Analyse darf man sich in diesem Zusammenhang nicht erwarten. Was die Untersuchung ergibt, ist nicht zu 100 Prozent ergebnisoffen.

Die Pandemie und die damit einhergehende weltweite wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise haben auch zu schweren politischen Verwerfungen geführt, insbesondere zwischen den USA und China. Von Seiten der Regierung in Washington gab es heftige Vorwürfe gegen Peking. China habe den Virus-Ausbruch lange verschleiert und versuche, die Ursprünge zu verheimlichen. Auf der anderen Seite streuen chinesische Behörden bewusst Zweifel, ob das Virus überhaupt aus China stammt. Hat der Konflikt zwischen den USA und China einen neuen Höhepunkt erreicht?

Maull: Die Anschuldigungen und Angriffe bezüglich der Ursprünge und der Verbreitung des Virus sind natürlich politisch motiviert. Sie sind Teil der Auseinandersetzungen zwischen Washington und Peking. Unter Trump gab es einen grundsätzlichen Wandel in den Beziehungen zu China. Es ist die Rede von einem neuen Kalten Krieg zwischen der alten Supermacht USA und der neuen Supermacht China. Und dieses Bild wird sowohl von den Eliten beider Seiten propagiert als auch von der Gesellschaft verbreitet übernommen.

Wird sich unter dem neuen US-Präsidenten, dem Demokraten Joe Biden, die China-Politik der USA grundlegend ändern?

Maull: Unter Biden wird sich das Verhältnis der USA zu China ändern, aber nicht unbedingt verbessern. Die Rivalität zwischen den beiden Supermächten ist Fakt, nun geht es um die Schlussfolgerungen. Der Ansatz Bidens wird sich sehr stark von der Politik Trumps unterscheiden. Er wird versuchen, mit den europäischen und ostasiatisch-pazifischen Verbündeten der USA – die sich bisher gegen eine einseitige Konfrontation mit Peking gestellt haben – eine gemeinsame Position zu finden. Es geht nicht nur um Konfrontation, sondern auch um Zusammenarbeit, etwa in der Klima-Politik. Einerseits will man Chinas expansiven Machtanspruch eindämmen, andererseits auch mit Peking zusammenarbeiten. China ist Partner, Wettbewerber und systemischer Konkurrent zugleich.

Inwieweit hat sich Pekings Politik in Bezug auf den Weltmachtanspruch geändert?

Maull: Früher stand man in Peking dem Multilateralismus sehr skeptisch gegenüber. Heute hat sich das gewandelt: China tritt als globale Ordnungsmacht auf. Und versucht auch, auf globaler Ebene seine Normen durchzusetzen. Das sieht man auch in internationalen Organisationen wie der WHO. Dort übt China erfolgreich Einfluss auf die Führungspositionen und das Regelwerk aus. Man sieht sich mittlerweile auf Augenhöhe mit den USA.

Das Gespräch führte Christian Jentsch

Zur Person

Hanns W. Maull ist Senior Policy Fellow am Mercator Institute for China Studies in Berlin. Der Politologe unterrichtete bis 2013 Außenpolitik und Internationale Beziehungen an der Uni Trier.

Seither lehrt er als Adjunct Professor am Bologna Center der Johns Hopkins School of Advanced International Studies.


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