Von Innsbruck nach Berlin: Im Flixbus auf die große Bühne

Im Opernstudio der Berliner Staatsoper Unter den Linden starten Weltkarrieren. Ab Herbst wird der in Tirol aufgewachsene Sänger Benjamin Chamandy dort studieren.

Oper mit Körpereinsatz: Benjamin Chamandy in „Papagena jagt die Fledermaus“, einer Produktion des Theaters an der Wien.
© Moritz Schnell/TaW

Innsbruck, Wien – Das Ticket für den Flixbus von Wien nach Berlin kaufte Benjamin Chamandy auf den letzten Drücker. Das war im vergangenen Oktober. Dem Kulturbetrieb drohte bereits der nächste Stillstand, doch in Berlin war ein Vorsingen für das internationale Opernstudio der Staatsoper Unter den Linden angesetzt. Nur alle zwei Jahre nimmt das von Stardirigent Daniel Barenboim initiierte Ausbildungsprogramm für Nachwuchssängerinnen und -sänger neue Studierende auf. In der Regel nicht mehr als vier pro Jahrgang. Im Opernstudio beginnen Weltkarrieren: Elsa Dreisig zum Beispiel, spätestens seit der Salzburger „Così fan tutte“ im vergangenen Sommer in aller Munde, startete hier ihre internationale Laufbahn. Das Auswahlverfahren für das zweijährige Programm ist streng, das Angebot sagenhaft: Meisterkurse bei Star-Solisten, kleinere und mittlere Parts in Staatsopernproduktionen, die Aussicht auf ein Fixengagement am Haus.

Chamandy, geboren 1996 in Toronto, hat sich erst am letzten Tag der Anmeldefrist beworben. Karlheinz Hanser, sein Gesangsprofessor an der Wiener Musik-Uni, hatte ihm geraten, dass es Zeit sei, den nächsten Schritt zu wagen. Die Einladung zum Vorsingen kam prompt. „Ich glaube, dass der Leiter des Opernstudios, Boris Anifantakis, die Youtube-Videos, mit denen ich mich beworben habe, bereits kannte“, sagt Chamandy.

Schon sein Engagement am Theater an der Wien verdankte der Bassbariton diesen Videos. Karlheinz Hanser filmt seine Schüler regelmäßig. Seinen Kanal „VocalTube“ haben zahlreiche Talentspäher des Musiktheaterbetriebs abonniert. „Der künstlerische Betriebsdirektor des Theaters an der Wien kannte mich von YouTube – und hat mir ein Vorsingen vorgeschlagen. Solche Videos werden immer wichtiger“, sagt Chamandy.

2019 sang er den Wagner in Nikolaus Habjans Inszenierung von Gounods „Faust“. Auch im Kinderstück „Papagena jagt die Fledermaus“ war Chamandy zu erleben. Seine jüngste Produktion am Theater an der Wien, „Giasone“ von Francesco Cavalli, wurde wegen Corona verschoben.

📽️ Video | FAUST - Trailer

Benjamin Chamandy ist in Innsbruck aufgewachsen. Das Gesangstalent wurde ihm, wie es so schön heißt, in die Wiege gelegt. Seine Eltern sind Sänger. Der Tenor Dan Chamandy war von 1999 bis 2003 als Ensemblemitglied am Tiroler Landestheater engagiert, Benjamin Chamandys Mutter, Jennifer Maines, von 2003 bis 2016. Seither ist sie regelmäßiger Gast am Haus am Rennweg. In der aktuellen Spielzeit ist sie, sofern es Corona zulässt, unter anderem für „Die Zauberflöte“ gebucht.

Benjamin Chamandy stand bereits in jungen Jahren auf der Bühne des Landestheaters, als Statist in der „Csárdásfürstin“ (2004) zum Beispiel. Auch bei den Wiltener Sängerknaben sammelte er Auftrittserfahrung. Später besuchte er das Landeskonservatorium.

Ausgemachte Sache war der Weg zum Profimusiker aber nicht. „Ich fuhr zunächst zweigleisig – und habe neben Gesang auch drei Jahre Jus studiert“, sagt Chamandy. Doch mit den ersten Engagements war klar: „Die Musik ist meine Welt. Hier kann ich mich verwirklichen.“

Das Vorsingen am Berliner Opernstudio hat knapp eine halbe Stunde gedauert. „Es ging alles sehr schnell. Zwei Arien und Dankeschön“, sagt Benjamin Chamandy. Kurz darauf saß er erneut im Flixbus. Wenige Kilometer vor Wien kam der Bescheid: Er wurde aufgenommen. Im ­April wird Benjamin Chamandy erfahren, welche Rollen er vorbereiten muss. Im September beginnt der Unterricht. (jole)


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