„Über Impfstoffe kursieren leider zu viele Unwahrheiten“

Experten fordern im Sinne einer Nutzen-Risiko-Abwägung eine gute Aufklärung rund ums Covid-19-Impfen. In den nächsten Monaten ist mit weiteren neuen Impfstoffen zu rechnen. Eine Übersicht und ein Vergleich der Impfstoffe, die bereits zugelassen sind.

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In einer flächendeckenden Impfung sehen viele Experten die einzige Chance, diese Pandemie in den Griff zu bekommen. Offene Fragen bleiben.
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Von Liane Pircher

Innsbruck, Wien – Zuletzt listete die WHO über 200 Impfstoffentwicklungen zu Covid-19 auf. Überall auf der Welt gibt es Pharmakonzerne, die in der Endphase neuer Forschungsarbeiten sind. Auch in Österreich sind drei Stoffe bereits in der klinischen Phase. Es sei wünschenswert und vielversprechend, wenn es möglichst viele Produkte im Kampf gegen Covid-19 gibt, sagt Reingard Grabherr, Professorin für molekulare Biotechnologie, dazu. Aktuell arbeitet Grabherr mit anderen Experten an Informationsbroschüren zu den in Europa aktuellen, bereits zugelassenen Impfstoffen: „Es gibt momentan eine zu große Flut an Missinformation“, sagt Grabherr.

Dass viele Menschen bezüglich der neuen Impfstoffe offene Fragen haben, kann sie nachvollziehen, sagt aber: „Noch nie bekamen die Menschen so viele Informationen über eine Impfung wie jetzt. Das Misstrauen gegenüber den Behörden kann ich nicht verstehen.“ Fakt ist, dass die Impfstoffe schneller als sonst entwickelt worden sind, da einerseits viel Geld in die Entwicklung gesteckt wurde, andererseits Schritte, die früher hintereinander erfolgt sind, parallel abgearbeitet wurden. Dazu komme, erklärt Grabherr, dass zeitgleich sehr viele Infektionsfälle vorhanden waren, aus denen man valide Daten erheben konnte. Bei anderen Krankheiten, zu denen man Impfstoffe entwickelt, müsste man oft warten, bis man wieder genug infizierte Fälle habe. Bei Covid-19 war das anders.

Grundsätzlich könne man davon ausgehen, dass alle derzeit angebotenen Vakzine sicher und gut getestet seien, sagt Grabherr. Dass der große Gewinner im globalen Wettrennen – der Impfstoff NT162b2 von BioNTech/Pfizer – der „beste Impfstoff“ ist, könne man so nicht sagen.

Prof. Reingard Grabherr arbeitet als Professorin für molekulare Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur Wien.
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Es stimmt aber, dass das AstraZeneca-Vakzin nicht ohne Grund von vielen kritisch beäugt wird, denn „da gab es zunächst verwirrende Aussagen bei den Studien“. Die größten Unterschiede gibt es bei der Herstellung bzw. Lagerung. Während AstraZeneca preisgünstig hergestellt werden kann und keine besonders starke Kühlung braucht, verlangt der Stoff von BioNTech/Pfizer eine Kühlung von minus 70 Grad. Bei minus 20 Grad Celsius über sechs Monate gelagert werden kann der Moderna-Impfstoff.

Unterschiede gibt es auch in der Wirksamkeit – die liegt bei AstraZeneca bei durchschnittlich 70 Prozent. Die Impfung von BioNTech/Pfizer bietet eine Wirksamkeit von 95 Prozent und wirkt bei älteren Menschen gut. Bei jüngeren Menschen wirksamer als bei älteren war hingegen der Moderna-Impfstoff in den Studien: Verimpft in zwei Dosen im Abstand von vier Wochen erzielte dieser eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent. Konkret heißt das, dass die Impfung in diesem Ausmaß vor einem schweren Verlauf einer Infektion schützt.

Grabherr geht nicht davon aus, dass man sich den Impfstoff aussuchen wird können – zumindest nicht heuer, vielleicht in den nächsten Jahren, wenn mehr Produkte am Markt sind. Hier werde es noch sehr viele neue Entwicklungen geben. Nebenwirkungen könne man bei keinem Vakzin „auf null“ ausschließen, so Grabherr. Wissenschaftlich belegt sei, dass es im Falle sehr zeitnah zu Nebenwirkungen – etwa Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder Ähnlichem – kommen kann.

Auch wenn es keine Langzeiterfahrung gibt, sagt Grabherr: „Das Immunsystem reagiert unmittelbar auf eine Impfung. Es gibt keine einzige Studie, die belegen würde, dass es kausale Zusammenhänge zu Impfschäden nach Monaten oder Jahren gibt.“ Menschen, die an Allergien oder Vorerkrankungen leiden, sollten vorher mit ihrem Arzt eine Risiko-Nutzen-Abklärung hinsichtlich einer Impfung machen, so Grabherr. Sinn macht es auch, vorher einen Antikörpertest zu machen.

Mehr Wissen wird es geben, wenn möglichst in die Breite geimpft worden ist, dann kann man über das Impfregister auch ganz seltene Nebenwirkungen erfassen. Fakt ist, dass es eine möglichst hohe Durchimpfungsrate in der Bevölkerung braucht, um die Pandemie und damit die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen. Wie viele geimpft sein müssen, damit dies der Fall ist, wird derzeit heiß diskutiert. Da gehen die Meinungen auseinander – der Prozentsatz pendelt von 70 bis 90 Prozent Durchimpfungsrate.

Diese Unsicherheit hängt damit zusammen, dass man nicht weiß, ob die Impfung auch die Ausbreitung des Virus verhindert (Fremdschutz) oder nur den Geimpften schützt (Eigenschutz). „Erst wenn es dazu gesicherte Daten gibt, kann man mehr sagen. Trotzdem geht man davon aus, dass Geimpfte kürzer und mit weniger Viren ansteckend sind“, so Grabherr. Die Briten-Mutation würde die Wirksamkeit der Impfungen nicht beeinflussen. Viren mutieren immer. Da müsse man ohnehin ständig dranbleiben.


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