Putin-Kritiker Nawalny auf Rückflug nach Russland

Fünf Monate nach seiner Vergiftung ist der Regierungskritiker Alexej Nawalny seine Heimreise von Deutschland nach Russland angetreten. Das Flugzeug der russischen Gesellschaft Pobeda hob am Nachmittag vom Berliner Flughafen BER ab. Die Maschine mit der Nummer DP 936 hätte um 17.20 Uhr MEZ (19.20 Uhr Ortszeit) am Moskauer Flughafen Wnukowo landen sollen. Doch die Landung verzögerte sich.

Die Fluglinie gab am Abend bekannt, dass der Flughafen Wnukowo für Landeflüge gesperrt worden sei und sich die Maschine mit Nawalny an Bord in Warteschleife befinde. Später hieß es, das Flugzeug sei zum Flughafen Moskau-Scheremetjewo umgeleitet worden. In Moskau erwartet den 44-jährigen die Verhaftung. Die russische Justiz hat Nawalny zur Fahndung ausgeschrieben, weshalb der Gegner von Staatspräsident Wladimir Putin mit seiner Festnahme rechnen muss. Er soll in einem früheren Strafverfahren gegen Bewährungsauflagen verstoßen haben.

Auf dem Wnukowo Airport in Moskau bezogen unterdessen Hundertschaften der Anti-Terror-Polizei OMON Stellung. Vor dem Gebäude standen mehrere Gefangenentransporter, wie eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Der Oppositionsführer hatte seine Anhänger aufgerufen, ihn auf dem Flughafen zu treffen. Die Moskauer Staatsanwaltschaft warnte vor unerlaubten Kundgebungen auf dem Flughafengelände und drohte mit Konsequenzen.

„Das ist der schönste Moment seit fünf Monaten“, sagte Nawalny an Bord des Flugzeugs vor zahlreichen Journalisten, die ihn auf dem Flug begleiteten. „Ich fühle mich großartig. Endlich kehre ich nach Hause zurück.“ Er rechne nicht mit einer Verhaftung, er sei unschuldig. „Wovor muss ich Angst haben? Was kann mir in Russland Schlimmes passieren?“ Er sei russischer Staatsbürger und habe jedes Recht zurückzukehren. Nawalny, der erst kurz vor dem Abflug direkt mit einem Auto zum Flugzeug gefahren wurde, wurde von seiner Frau Julia und seiner Pressesprecherin begleitet.

Die Anwältin Karinna Moskalenko, die Nawalny in der Vergangenheit verteidigt hatte, sagte, dass eine Festnahme gegen internationales Recht verstoßen würde. „Ich hoffe, dass sie nicht ihre eigene Reputation verhaften“, sagte die Juristin zum Verhalten des Machtapparats dem Kanal „Doschd“.

In Russland gab es Stunden vor der Abreise Nawalnys Berichte über Festnahmen. In St. Petersburg teilte die Leiterin von Nawalnys dortigem Stab, Irina Fatjanowa, mit, dass sie und zwei weitere Aktivisten aus einem Zug nach Moskau abgeführt und ohne Angabe von Gründen drei Stunden bei der Polizei in Gewahrsam gewesen seien. Andere Aktivisten sagten, sie seien auf dem Flughafen Pulkowo in St. Petersburg festgehalten oder in Fahrzeugen auf der Straße gestoppt worden.

Auch am Moskauer Flughafen Wnukowo sollen mehrere Unterstützer Nawalnys festgenommen worden sein. Unter den Festgenommenen seien die Juristin Ljubow Sobol, der Jurist Alexej Molokojedow und Nawalnys Assistent Ilja Pachomow, berichtete Iwan Schdanow von Nawalnys Anti-Korruptionsstiftung am Sonntag im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Viele Journalisten beklagten, dass die Flughafenleitung in Wnukowo den Zugang zum Airport wegen der Corona-Pandemie untersagt und keine Arbeitserlaubnis erteilt habe. Im internationalen Teil des Airports gab es breite Absperrungen. Zahlreiche Aktivisten, Blogger und Journalisten begleiteten Nawalny aber auf dem Flug und berichteten immer wieder live.

Nawalny erholte sich in Deutschland von einem Anschlag mit dem als Chemiewaffe verbotenen Nervengift Nowitschok. Das Attentat war am 20. August in der sibirischen Stadt Tomsk verübt worden. Nawalny hatte immer wieder Putin und den Inlandsgeheimdienst FSB für den Mordanschlag verantwortlich gemacht. Der Kreml-Chef hatte das stets zurückgewiesen. Die Verwendung von Nowitschok als Gift legt freilich den Schluss nahe, dass russische Behörden involviert gewesen sein müssen. Ungeachtet der Gefahr, getötet oder festgenommen zu werden, erklärte Nawalny mehrfach, dass sein Platz in Russland sei und er dort seinen Kampf gegen das „System Putin“ fortsetzen wolle.

Zahlreiche Kommentatoren bezeichneten Nawalnys Entscheidung, nach Russland zurückzukehren, als mutig - und als politischen Sieg. „Dass Nawalny auch vor dem schlimmstmöglichen Szenario keine Angst hat, zerstört das ganze Spiel des Kreml“, schrieb die Politologin Tatjana Stanowaja. Im Herbst ist in Russland Parlamentswahl, bei der der Oppositionspolitiker das Machtmonopol der Kremlpartei Geeintes Russland brechen will.


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