Franzobels neuer Roman über Ritter ohne Rücksicht

Mit „Die Eroberung Amerikas“ hat Franzobel ein mitreißendes Buch über gott- wie glücklose Konquistadoren und die Grausamkeit der Kolonialgeschichte geschrieben.

Fernando Desotos Landung in der Tampa Bay in Florida im Mai 1534. Stich nach einem Gemälde von Seth Eastman. Desotos letzter Eroberungszug geriet zum Desaster.
© Smille/imago

Innsbruck – Franzobel darf für sich in Anspruch nehmen, das honorige Genre des historischen Romans gehörig entstaubt zu haben, indem er vergangene Grausamkeiten sprachlich ins Heute holt. „Das Floß der Medusa“ über die Unglücksfahrt einer französischen Fregatte, die 1816 nur eine Handvoll Seefahrer überlebten, stand 2017 auf der Nominiertenliste für den Deutschen Buchpreis, gewann den Bayerischen – und wurde zum internationalen Bestseller.

Zweiter Roman nach wahren Begebenheiten

Mit „Die Eroberung Amerikas“ legt Franzobel, der eigentlich Franz Stefan Griebl heißt, nun seinen zweiten „Roman nach wahren Begebenheiten“ vor. Diesmal ist das historische Panorama, das er entfaltet, noch weit- und weltläufiger. Die Handlung blendet zurück in die – gemäß eurozentrischer Zeitrechnung – aufbrechende Neuzeit und spannt sich bis in die Gegenwart, in der Franzobel einen Anwalt die Rückgabe der einst von Europas rücksichtslosesten Glücksrittern brutal kolonialisierten „Neuen Welt“ an deren Ureinwohner fordern lässt.

Die zentrale Figur des Romans ist einer dieser Glücksritter. Einer von besonders trauriger Gestalt. Ferdinand Desoto hat an Eroberungszügen Francisco Pizarros teilgenommen, dem Inkakönig Atahualpa Schach und ein paar Brocken Spanisch beigebracht, indigene Frauen ungefragt begattet und ist mit Sklavenhandel reich genug geworden, um mit Anfang vierzig beruhigt dem Lebensabend entgegendämmern zu können. Aber Desoto strebt nach Höherem. Deshalb wagt er 1538 mit royalem Segen ein weitere Fahrt ins Ungewisse: Florida soll erobert werden. Die Expedition gerät zum blutgetränkten Desaster. Anders als Pizarro, Cortés oder Lope de Aguirre wird Desoto heute weder verehrt noch verteufelt. Er wurde vergessen. „Desoto? Risotto? Wer?“, wie Franzobel schreibt. Den Mississippi soll er, jedenfalls aus europäischer Perspektive, entdeckt haben. Dort – mutmaßlich im heutigen Einzugsgebiet von Memphis/Tennessee – dürfte er 1542 gestorben sein.

Franzobel
© imago

Desotos Geschichte hat es in sich. Die der hochherrschaftlichen Taugenichtse und Tagelöhner, die ihn umgeben, auch. Natürlich sind sie ein Menetekel für vieles, was seither passiert ist, für Gewinnsucht und unmenschliche Ausbeutung im Deckmantel der Gut- und Gottgläubigkeit. Die Konquistadoren standen am Anfang der Globalisierung, schreibt Franzobel – und erzählt nah am historisch Beglaubigten von einer von kaum fassbarer Gewalt regierten Welt. Franzobel hat für „Die Eroberung Amerikas“ lange recherchiert – und ist dafür um die halbe Welt gereist. Sein Versuch, Ferdinand Desoto – oder, für Akzentakribiker, Hernán de Soto – hinterherzuerzählen, folgt dem neuesten Forschungsstand.

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Doch wie schon beim „Floß der Medusa“ macht auch Franzobels neuen Roman nicht nur das aus, was erzählt wird. Es ist die Art, wie es erzählt wird, die „Die Eroberung Amerikas“ so mitreißend macht. Ein allwissender Erzähler nimmt die Leserinnen und Leser bei der Hand –und zieht sie mit ganz gegenwärtigem Parlando in den Roman. Dieser Erzähler springt in der Zeit, nimmt vorweg, blickt zurück, breitet aus – und hält bisweilen dazu an, tief Luft zu hohlen. Denn für allzu zart Besaitete bleibt das, was in „Die Eroberung Amerikas“ abgebrüht serviert wird, harter Tobak: Die europäische Expansion ins Transatlantische war grausam ohne Maß. Franzobels drastischer, aber ironisch-distanzierter Ton sorgt dafür, dass die ungeschönte Erzählung davon nie ins Moralinsaure oder in neukoloniale Besserwisserei abdriftet. Und sie liefert Material für zukünftige Imponierversuche: Sollte es irgendwann wieder geöffnete Bars geben, kann man zu späterer Stunde beim Blick auf Hochprozentiges darauf hinweisen, dass das Etikett einer gängigen Rum-Marke Isabella de Bobadilla zeigt, Spaniens einstige Statthalterin auf Kuba – und die Ehefrau eines gescheiterten Eroberers. (jole)

Roman. Franzobel: Die Eroberung Amerikas. Zsolnay, 543 Seiten, 26,80 Euro.


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