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„Der weiße Tiger“: Ein Parasit wird Unternehmer

Mit „Der weiße Tiger“ verfilmt Ramin Bahrani einen bitterbösen indischen Bestsellerroman über einen gewieften Aufsteiger ohne Ähnlichkeiten zum Slumdog-Millionär.

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Balram (Adarsh Gourav) weiß in „Der weiße Tiger“, dass er mehr sein will als bloß ein Diener.
© Netflix

Von Marian Wilhelm

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Innsbruck – Balram ist ein weißer Tiger. Das erzählt uns der menschliche Protagonist gleich zu Beginn seiner Geschichte. Der weiße Tiger ist eine kämpferische Kreatur, die es nur einmal in jeder Generation gibt. Aus einer bettelarmen Familie am Land stammend will er mehr, als das ungerechte Schicksal für ihn vorgesehen hat. Und als Voice-over-Erzähler seiner eigenen Geschichte macht er kein Geheimnis daraus, dass er es irgendwie schafft im kapitalistischen Dschungel.

Doch die Erzählung ist auch an jemanden anderen gerichtet: das zukünftige Ich unseres Helden schildert seinen Aufstieg in einem E-Mail an den chinesischen Premierminister Wen Jiabao, der gerade zu Besuch im aufstrebenden Indien ist. Ausgerechnet ihm schmiert er Honig ums Maul, wenn er den chinesischen Staatsgast als „großem Liebhaber der Freiheit“ seine Lebensweisheiten aus der weltgrößten Demokratie Indien verkündet: „Wahlversprechen haben mir beigebracht, wie wichtig es ist, nicht arm zu sein in einer freien Demokratie.“

📽️ Video | Trailer zu „Der weiße Tiger"

Dieser Kniff stammt aus „Der weiße Tiger“, dem Debütroman von Aravind Adiga, der 2008 als Gewinner des renommierten Man-Booker-Preises für Furore sorgte. Nun verfilmt ihn der Amerikaner Ramin Bahrani für das internationale Netflix-Publikum. Mit zwei Klammern gibt er seinem zweistündigen Film Spannung, die sich nach einer Stunde und am Ende des Films auflöst. Auch wenn er etwas braucht, um auf den Punkt zu kommen, spielt der Film geschickt mit der Distanz zwischen dem Voice-over-Ich und der gezeigten Figur. Nie ist ganz klar, ob der Balram (Adarsh Gourav) seinen Unterdrückern bereits einen Schritt voraus ist oder erst noch ausbrechen muss aus dem unsichtbaren Gefängnis. Der Aufsteiger Balram muss einen Preis bezahlen. Doch bis ganz zum Schluss bleibt offen, wie hoch er ist.

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„Ein Entrepreneur kreiert Chancen“

Als Fahrer einer ebenso reichen wie korrupten Kohle-Ausbeuter-Familie verschlägt es ihn in die Großstadt Delhi. Ashok, der zweite Sohn des Kohle-Patriarchen, ist gerade aus Amerika zurückgekehrt, zusammen mit seiner Frau Pinky. Die beiden behandeln ihren Diener weniger harsch, aber im Grunde ebenso erniedrigend. Als die Frau betrunken einen Verkehrsunfall verursacht, soll er die Schuld übernehmen.

„Der weiße Tiger“ ist gewissermaßen die bitterböse Variante einer anderen amerikanisch-indischen Aufstiegsgeschichte. Oscar-Gewinner „Slumdog Millionaire“ wird an einer Stelle sogar zitiert: „Ich war gefangen, und glauben Sie keine Sekunde lang, dass es eine Millionenshow gibt, die mich hier herausholt.“

In seiner schonungslosen, schwarzhumorigen Analyse des Herr-und-Knecht-Themas ähnelt „Der weiße Tiger“ vielmehr dem noch weitaus raffinierteren letztjährigen Oscar-Erfolg „Parasite“. Der Diener will mit viel Geschick selbst zum Herren werden in der brutalen Turbokapitalismus-Welt. Oder wie es im zynischen Management-Sprech des neuen Balram heißt: „Ein Entrepreneur kreiert Chancen.“


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