New York will ein „Arts Revival“ nach dem Coronaschlaf

„Fast niemand wurde von Covid mehr verletzt als unsere Künstler“, sagte der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo kürzlich, als er seine Initiative zur Wiederbelebung der Kultur vorstellte, nachdem die Coronapandemie das Herz der Branche zum Stillstand gebracht hat. „Die Künste und Künstler sind essenziell“, sagt Eduardo Vilaro, Chef des in Manhattan beheimateten Ballet Hispanico, der APA, der einen Teil des Programms gestaltet.

„2020 hat gezeigt, wie belastbar und flexibel wir sein können, wenn wir mit Unsicherheit und großen Widrigkeiten konfrontiert sind“, sagt Vilaro. Wie so viele Kultureinrichtungen wurde seine Tanzkompanie nach Ausbruch der Pandemie sofort zu einer virtuellen Plattform umgewandelt, die auch eine Spendenaktion ins Leben rief, die Tänzern „eine finanzielle Rettungsleine während dieses traumatischen Arbeitsverlusts bieten sollte“. Es konnten 53.802 US-Dollar (44.252 Euro) gesammelt werden, die direkt an die Tänzer gehen.

Aber natürlich ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ohne Livekultur bleibt es auch in der sonst so lebendigen Millionenmetropole still. „Als es in den amerikanischen Theatern Anfang vergangenen Jahres dunkel wurde, wurde die Branche der darstellenden Künste dezimiert“, sagt Vilaro der APA. „Unsere Stimmen für das Handwerk, das wir lieben, wurden zum Schweigen gebracht, was diese vergangenen zehn Monate äußerst schwierig gemacht hat.“

New York war im vergangenen Frühjahr ein Epizentrum der globalen Pandemie. Alle Liveveranstaltungen sind gestrichen worden. Die Lichter am Broadway sind seit bald einem Jahr erloschen. Die Tänzer haben ihre Schuhe an den Nagel gehängt. Die Musik in der Carnegie Hall ist verstummt, und auch an der Metropolitan Opera singt niemand mehr.

„Die Auswirkungen dieser kulturellen Depression werden unerträglich sein, und zwar nicht nur für die nicht geschriebene Symphonie, den nicht choreografierten Tanz, die nicht gegossene Skulptur, das nicht inszenierte Musical“, schrieb Jason Farago in einem Artikel in der „New York Times“.

Er hat nicht ganz unrecht. Kultur ist ein Industriesektor, der nach Angaben des US-amerikanischen Bureau of Economic Analysis im Jahr 2017 mehr als 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Vereinigten Staaten ausmachte. Allein der Broadway trägt rund 14 Milliarden US-Dollar zur Wirtschaft von New York City bei. Vor der Pandemie entfielen auf den Kunst- und Kultursektor in Höhe von 120 Milliarden US-Dollar fast 8 Prozent der Wirtschaftsleistung des Staates und eine halbe Million Arbeitsplätze.

In weniger als einem Jahr gingen Zehntausende dieser Arbeitsplätze verloren, zusammen mit über zwei Millionen Arbeitsplätzen in den kreativen Künsten auf nationaler Ebene. In das Konjunkturpaket im Dezember war deshalb der Save Our Stages Act integriert, der 15 Milliarden US-Dollar für Zuschüsse an Liveveranstaltungsorte, Kinos und dergleichen vorsah. „Ich war immer vorsichtig mit Argumenten über die ‚Notwendigkeit‘ der Kunst“, schrieb Fargo weiter, „aber eine seelenkranke Nation wird sich wahrscheinlich nicht erholen, wenn sie grundlegende Teile ihrer Menschlichkeit verliert“, so der Kritiker.

Gouverneur Andrew Cuomo hat deshalb die öffentlich-private Initiative „New York Arts Revival“ vorgestellt, einen Plan, um Kunst und Kultur zu reanimieren. Weder wurde ein Veranstaltungsplan, noch Einzelheiten zur finanziellen Unterstützung bekannt gegeben. Aber das Projekt, das am 4. Februar mit 150 Künstlern von Amy Schumer und Hugh Jackman bis hin zu Orchestern, Balletten und Theaterkompanien starten soll, bietet mehr als 100 Aufführungen in Parks, öffentlichen Plätzen, Museen und Theatern - sogar auf Lastwagen - im ganzen Bundesstaat. Den Höhepunkt soll das 20-jährige Jubiläum des Tribeca Film Festivals im Juni und die Eröffnung von Little Island darstellen, einem neuen 2,7 Hektar großen öffentlichen Park am Pier 55 beim Hudson River.

Während der Tag der endgültigen Rückkehr des kulturellen Lebens ungewiss bleibt, findet Eduardo Vilaro die Idee „aufregend“ und „hoffnungsvoll“. Er ist „begeistert und stolz darauf, Teil der Initiative zu sein“. Cuomo sagte auch, er hoffe, Schnelltests an Popup-Standorten anbieten zu können, um es den Menschen zu erleichtern, getestet zu werden, bevor sie Restaurants oder Theater besuchen. Er wies dabei auf das Experiment des Staates beim Spiel der Buffalo Bills am 9. Jänner hin, als New York fast 7.000 Football-Fans testete.

Nicht alles ist derzeit geschlossen. Während einige Museen und Kulturinstitutionen mit begrenzter Kapazität vergangenen Herbst ihre Türen öffnen konnten, mussten die meisten, so auch das Metropolitan Museum of Art unter Führung von Max Hollein, größere Entlassungen und Budgetkürzungen vornehmen, um über Wasser zu bleiben. Laut einem Bericht der American Museum Alliance bleiben 30 Prozent der Museen in den USA wegen Covid-19 geschlossen, und fast ein Drittel der von der Gruppe befragten Museumsdirektoren gab an, dass ein „erhebliches Risiko“ besteht, bis zu diesem Herbst überleben zu können.

Anthony Fauci, der führende Experte für Infektionskrankheiten in den USA, sagte bei einer Konferenz am 9. Jänner, dass er glaube, dass Theater im Herbst wieder eröffnen könnten, wenn das Impfprogramm erfolgreich wäre, dass aber das Publikum weiterhin Masken tragen werde. Die Met Opera soll im September 2021 wiedereröffnet werden, und zwar mit der Premiere von Terence Blanchards „Fire Shut Up in My Bones“, sagt der Pressesprecher der Met, Michael San Gabino der APA. Die Verteilung von Impfstoffen in den USA liegt jedoch hinter dem Zeitplan zurück.

Braucht die US-Regierung einen „Dr. Fauci of Culture“, wie der Theaterkritiker der „Washington Post“, Peter Marks, es forderte? Oder sogar ein Kulturministerium mit einem Sekretär auf Kabinettsebene? Schließlich gibt es im Gegensatz zu vielen Ländern der Welt in den USA kein Kulturministerium. Kulturelles wird durch Stiftungen wie die NEH („National Endowment for the Humanities“) und die NEA („National Endowment for the Arts“) sowie durch private Spender finanziert.

Künstlerisch gesinnte Amerikaner haben deshalb seit langem schon die von Staatsseite finanzierten Kultureinrichtungen in Europa beneidet. Und da die Pandemie die Opern, Museen, Theater, Konzertsäle und Kinos - und die damit einhergehen Arbeitsplätze - zu vernichten droht, ist es vielleicht an der Zeit, „dieses krasses Versehen zu korrigieren“, schrieb Marks: „Jetzt brauchen wir mehr denn je einen Anthony Fauci für die Künste.“

„Das ist jedoch eine Idee, die politisch nicht sehr wahrscheinlich ist“, sagt Margaret Jane Wyszomirski, Professorin in der Abteilung für Kunstverwaltung, Bildung und Politik an der Ohio State University, im APA-Gespräch. Die Einrichtung einer neuen Kabinettsabteilung sei „eine große gesetzgeberische Aufgabe“, und es gäbe „keine organisierten Anstrengungen unter den Kunst- und Kulturschaffenden, die derzeit starke Befürworter einer solchen Umstrukturierung“ seien. „Ein Kabinettssekretär für Kultur könnte außerdem leicht als Ernennung eines Kulturzaren gesehen werden, der in die künstlerischen Inhalte hineinregiert.“

Was der neue Präsident Joe Biden allerdings tun könnte, sagt sie, ist eine „Task Force für Kunst und Kultur“ im Weißen Haus zu bilden, „um besser in der Lage zu sein, schnell einen behördenübergreifenden Krisenreaktionsplan zu organisieren“. „Und rhetorisch könnte man auch eine Änderung der Titulierung im Zuge von Covid fordern, werden hier doch diejenigen, die in Kunst und Kultur arbeiten, als ‚nicht wesentliche Arbeiter‘ eingestuft.“

Kunst spendet Trost. „Kunst hat und wird in herausfordernden Zeiten immer ein Spiegelbild und eine Atempause sein“, sagt Vilaro. „Was die Welt gesehen hat, ist, dass Kunst uns geholfen hat, diese Pandemie zu überwinden, indem unsere Filme, Musik, Tanz und Kunst virtuell gezeigt wurden. Und die Amtseinführung von Joe Biden signalisierte der Welt, dass die Künste und Künstler essenziell sind. Von der erstaunlichen Dichterin Amanda Gorman bis zur atemberaubenden Musik einiger unserer größten Entertainer gab die Regierung den Ton für das an, was kommen wird, und markiert den Beginn eines neuen Tages in unserer Nation.“

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