In der Nische ist noch Platz für Kultur zum Hören

Kunst auf die Ohren: Egal ob Ausstellungsbegleiter, Plauderrunde oder fiktive Serie, immer mehr Museen produzieren eigene Podcasts. Auch in Tirol.

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Die Serie „hörpositionen“ blickt anlässlich zweier Jubiläen aktuell auf die Geschichte des Innsbrucker Riesenrundgemäldes zurück. Im Bild: die erste Holzrotunde im Saggen um 1900.
© Stadtarchiv

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Der Hype um Clubhouse (aktuell zwei Mio. Nutzer, Tendenz steigend) hat es endgültig zementiert: Zuhören liegt schwer im Trend. Das digitale Klubhaus, in das seit einer Woche alle reinwollen, ist dabei nichts anderes als eine Endlos-Telefonkonferenz mit Talks in unterschiedlichen Räumen zu unterschiedlichen Themen – in der alle freiwillig sitzen. Live und rund um die Uhr. Nicht nur über Politik und Hobbys wird schwadroniert, auch über Kultur diskutiert. Und zugehört. Wie eben bei Formaten wie Podcast, Hörspiel oder Hörbildern, die nach seit Jahren Hochkonjunktur haben. Auch deshalb, weil sie gerade im Kunstbereich dem Publikum das Erlebnis Kunst näherbringen, auch wenn Schauräume lockdownbedingt (noch) geschlossen sind.

Spricht man in der Tiroler Kulturszene über Kultur-Podcasts, kommt man um Matthias Breit und das Gemeindemuseum Absam kaum herum. Mit „museumsreif“ läuft dort seit 2019 ein vielfältiger Podcast, parallel dazu realisiert Breit die Hörbilder „hörpositionen“, eine Kooperation mit dem Museum im Ballhaus Imst und den Tiroler Landesmuseen (TLM). Jüngste Initiative: eine Beitragsreihe zur Kulturgeschichte des Riesenrundgemäldes, anlässlich 125 Jahre Fertigstellung des Schlachtengemäldes und 10 Jahre Tirol Panorama. Die erste Folge der Reihe ist online (u. a. via Spotify). Sie beleuchtet nicht unkritisch die Entstehungszeit und erste Funktion der Sehenswürdigkeit, u. a. mit Auszügen aus der bis heute gültigen Glosse von Alfred Polgar von 1917.

Ein Podcast kann Hintergründe aufarbeiten, munter daherplaudern (prominentestes Beispiel: Johann Königs neuer Podcast „Was mit Kunst“) oder, im Museum naheliegend, von hinter den Kulissen berichten. Machen die TLM in ihrem hauseigenen Pod­cast (abrufbar auf ihrer Homepage).

Inhaltsschwerer geht es bei „Büchs’n’radio“ des Künstlerhauses Büchsenhausen zu, einer monatlichen Radiosendung (Radio Freirad), deren Folgen auch online verfügbar sind (cba.froa.at). Siclodi beleuchtet darin aktuelle Themen zu Kunst und Gesellschaft und verbindet sie geschickt mit dem heimischen Fellowship-Programm und seinen internationalen Gästen.

Warum Kunstinstitutionen ihr Kommunikationsprofil aktuell um Audioformate ergänzen, ist einfach erklärt: Sie sind nicht auf Öffnungszeiten angewiesen. Reichweite steigt. Von sechsstelligen Zugriffszahlen, die Erfolgsformate à la „Fest & Flauschig“ oder „Gemischtes Hack“ erreichen, sind Special-Interest-Formate natürlich dennoch weit entfernt. Obwohl die Vielfalt wächst, bleiben sie doch Nischenprodukte.

Die Guten setzen auf qualitätvollen Content. Gelungen ist das u. a. „Finding Van Gogh“ des Frankfurter Städels, der u. a. mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Große Häuser mit entsprechendem Budget zeigen außerdem, wie groß die Vielfalt sein kann: So überraschte das Kunsthistorische Museum Wien zuletzt etwa mit dem Fiction-Podcast „six seasons“ (in Zusammenarbeit mit Ö1). Als Vorreiter im deutschsprachigen Raum gilt übrigens gemeinhin der Podcast der Schirn Kunsthalle Frankfurt, laut eigenen Angaben der „erste deutsche Podcast einer Kunstinstitution“ überhaupt. Seit 2015 hat er sich von der Ausstellungsbegleitung zum Diskussionsforum gemausert, das auch thematisch Akzente setzt. Wichtiger Trend: Mit Podcast holen historische Museen Themen in die Gegenwart. Macht aktuell etwa auch das Kunstmuseum Basel mit „Rembrandt, habibi“. Der „Orient“ des Übermalers wird darin um eine postkolonialistische Perspektive ergänzt. Interessant und woke!


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