Prozess um Millionenbetrug: 3,5 Jahre Haft für vorgespielte Krankheit

3,5 Jahre Haft für Millionenbetrug. Als Schmerzpatient bezog ein 53-Jähriger Renten. Die Invalidität war jedoch nur vorgegaukelt.

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – „Nie mehr arbeiten“, dachte sich wohl 2013 ein Innsbrucker nach einem Radunfall mit Daumenbruch. Als dieser aus chirurgischer Sicht wieder gut verheilt war, klagte der heute 53-Jährige nämlich über unerträgliche Schmerzen im Arm. Mehrere Mediziner befassten sich mit dem Fall und diagnostizierten beim Schmerzverzerrten nach Reha-Aufenthalten ein komplexes regionales Schmerzsyndrom – Morbus Sudeck.

Den nachfolgenden Befund der Vollinvalidität reichte der Innsbrucker darauf bei Unfallversicherungsanstalt und Gebietskrankenkasse ein. Dazu bestanden drei private Unfallversicherungen. Wohl zu viel des Guten. Denn als die Schwiegertochter des gestern am Landesgericht wegen schweren Betruges Angeklagten die – extrem seltene – Krankheit ebenso als Leistungsfall geltend gemacht hatte, erschien dies einem Referenten verdächtig. Ermittlungen und Detektivbeschattungen in beide Richtungen wurden eingeleitet. Und da wurde die scheinbar halb gelähmte Frau beim Bau eines Schneemanns beobachtet.

Zwei Jahre Haft (16 Monate bedingt) ergingen bereits nicht rechtskräftig über sie. Den Schwiegervater mit dem völlig bewegungsunfähigen rechten Arm erwischte es hingegen beim Autofahren mit Schaltgetriebe (!). Als es einmal zum Unfall kam, hatte der 53-Jährige den Bericht mit der rechten Hand auf der Motorhaube ausgefüllt. Dreister Betrug für Staatsanwältin Gertraud Pfeifenberger. Betrugsschaden mit fiktivem Auszahlungswert: 1,83 Mio. Euro – bei 1,6 Mio. blieb es beim Versuch.

Ein eingeholtes medizinisches Sachverständigengutachten legte die Causa für den Schöffensenat unter Richterin Sabine Krainer überaus klar dar. Demnach hatte der 53-Jährige die starken Schmerzen nur vorgetäuscht. Selbst eine Schwellung war nur für die Untersuchung herbeigeführt worden – durch Abbinden des Arms (Hautverfärbungen verrieten das der erfahrenen Medizinerin aber). Die Sachverständige: „Eine Lähmung bleibt ja nie ohne Folgen. Am untersuchten Arm waren jedoch weder Muskelschwund, Versteifungen, Ablagerungen in den Gelenken oder eine ‚Affenhand‘ durch Muskelverkürzungen festzustellen, keinerlei Spätschäden, die zwingend vorliegen müssten.“ Dazu machte die Medizinerin auch sonst keine objektivierbaren Kriterien wie veränderten Haarwuchs fest: „Das kann so alles nicht sein!“

Die Konsequenzen für die Betrügerei sind hart: Dreieinhalb Jahre Haft ergingen nicht rechtskräftig. Richterin Krainer: „Hätte das Verfahren nicht so lange gedauert, wären es vier Jahre geworden!“


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