Celeste und Arlo Parks: Hoffnungsschimmer von der Insel

Das Pop-Jahr 2021 startet vielversprechend: Mit „Not Your Muse“ und „Collapsed in Sunbeams“ erscheinen heute die Debütalben der britischen Shootingstars Celeste und Arlo Parks.

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Celeste ist im UK längst ein Shootingstar. Mit ihrer LP „Not Your Muse“ wird sie ein internationales Publikum erreichen.
© Raimondo

Innsbruck – Ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss? Eher nicht. Ein Kuss kann viel bedeuten. Und nichts. Oder in den Worten von Celeste: „There’s a kiss / That means nothing / There’s a kiss / Only means one thing / There’s a kiss / Leaves you one thing / Whateve­r it is / It’s still a kiss.“ Okay, das mit dem Küssen ist kompliziert, allein deshalb, weil man dafür bekannterweise einen anderen Mund braucht. Nicht nur übers Küssen (in „A Kiss“), sondern auch über das Danach, das komplizierte Lieben, liebevolle Beziehungen und das neue Selbstverständnis beim Lieben singt der britische Shootingstar Celest­e aktuell in ihrem Debütalbum „Not Your Muse“, das heute erscheint. Und das hört sich so gut an wie lange nichts mehr.

Ihr Debüt kommt nach langer, Corona-bedingter Wartezeit, denn eigentlich startete die junge Karriere der 26-Jährigen schon vor einem Jahr mit einem Rumms. Im Februa­r 2020 kürten die Brit Awards sie zum „Rising Star“. On stag­e überzeugte Celeste das internationale Publikum mit „Strange“, einem beeindruckend simplen Gänsehautmoment, dass sie das Zeug zur nächsten Amy Winehouse hat. Für weitere Auftritte, Tour, Promo gab es im Lockdown aber kaum Möglichkeiten.

Also sperrte sich Celest­e ins Studio ein und kehrt jetzt mit ihrem Debütalbum auf die große Bühne zurück. Darauf: zwölf Singles, mit Altbekanntem wie „Strange“, einer intensiven Ballade, die nachspürt, wie aus Fremden Freunde, aus Freunden Liebhaber und Liebhaber wieder Fremde werden. Bereits veröffentlicht wurde auch „Stop This Flame“, das auf Spotify bis dato rund 30 Mio. Mal geklickt wurde.

An Stoppen will man beim Album von Celeste gar nicht denken, geradezu süchtig wird man nach dieser zart belegten Stimme, den sparsamen Klavier­klängen und dem sanfte­n Groove. Da steckt nicht nur der Geist von Amy Winehouse drin, da treiben auch Einflüss­e von Joy Crooke­s und dem Kollektiv Sault ihr Unwesen, alles, was auf der Insel eben gerad­e wieder einmal steil geht.

Auch bei Celeste verbinden sich R’n’B und Soul zu einem zeitgenössischen Stilmix und thematisch mit dem Empower­ment der Sängerin. „Not Your Muse“, die titelgebende Single, vermittelt unmissverständlich: „Ich kann nicht besessen werden.“ Auf ehrfürchtiges Posieren, darauf, eine Muse zu sein, hat die Britin keine Lust. Ebenso wenig, wie als Frau bestimmten Vorstellungen zu entsprechen. Das stellt „Ideal Woman“, der Opene­r der LP, gleich klar. Cool und gar nicht bemüht.

Celeste spielt alle Stücke: Die märchenhafte Kitsch­streicher-Ballade „Give a Littl­e Love“ steht ihr ebenso wie das schnörkellose Disco-Nacht „Tonight Tonight“.

Es groovt stets im richtigen Rhythmus. (bunt)

Info

R’n’B/Pop Celeste: Not Your Muse. Polydor/Universal.


Die Vorschusslorbeeren für Arlo Parks füllen ganze Lagerhallen. Für Billie Eilish – wahrlich keine Allerweltsstimme in der Pop-Branche – ist die 20-jährige Britin „die nächste große Nummer“. Michelle Obama setzte Parks Abrechnung mit einem gewiss gemeinen „Eugene“ und ihrer eigenen Ratlosigkeit darüber, dass sich ihre beste Freundin in ihn und eben nicht in sie verliebt hat, auf die Liste ihrer Lieblingslieder. Und die für ambitionierte Popmusik besonders hellhörige BBC erklärte Arlo Parks schon zur „Breakthrough Artist“, da war ihr heute erschienenes Debütalbum „Collapsed in Sun­beams“ noch Zukunftsmusik.

Michelle Obamas neue Lieblingssängerin: Die Britin Arlo Parks veröffentlicht heute ihr erstes Album.
© Almeida

Für ihre erste Platte hat sich Arlo Parks viel Zeit gelassen – und mit der verstreuten Veröffentlichung verschiedenster Nebenbei-Nummern seit 2018 noch mehr (Vor-)Freude bereitet. Im Juni 2020 etwa brachte sie ihre luftig hingetupfte Version der Radiohead-Weltschmerz-Hymne „Creep“ heraus. Dass die Band auch zu ihren großen musikalischen Helden zählt, diktierte Parks, die eigentlich Anais Oluwatoyin Estelle Marinho heißt, erst kürzlich fragenden Journalisten ins Notizbuch. Auf „Collapsed in Sunbeams“ schaffte es „Creep“ trotzdem nicht. Dafür ist ihr eigenes Material zu gut. Denn das Album wird dem mit der Vorfreude gewachsenen Erwartungsdruck gerecht. Parks hat ein beeindruckendes Gespür für federleichte Melodien. In der zurückhaltenden Instrumentierung – Piano, manchmal Gitarre und fein verschleppte Beats – klingt bisweilen Jazziges an, dann wieder entspannter Trip-Hop. Und darüber schwebt Parks Stimme, leicht nasal, ein klein bisschen belegt bisweilen. Mit anderen Worten: entwaffnend schön.

Kombiniert wird die frühvollendete Meisterschaft in musischem Melodram mit durchwegs differenziertem Songwriting. Parks Texte erinnern – nicht nur bei der kleinen Klassenzimmer-Tragödie „Eugene“ – an in sich geschlossene Short Storys. Sie handeln von dem, was Anfang 20-Jährige umtreibt: Fragen nach sexueller Identität und Zugehörigkeit, Herzschmerz, die Sehnsucht nach etwas Rausch, langweilige Wichtigtuerpartys, das Gefühl, selbst gestellten und übergestülpten Anforderungen nicht gerecht zu werden. „Hurt“ etwa, der beste der zwölf auf „Collapsed in Sunbeams“ versammelten Songs, schlängelt sich samt einnehmend eleganter Basslinie durch eine ganze Reihe komplexer Komplexe – und mausert sich spätestens beim Refrain zum Ohrwurm, der sich bis ins Großhirn wühlt. Damit auch Nicht-Twens Anschluss finden, wird – quasi im Vorbeigehen – „Twin Peaks“ erwähnt. Überhaupt versteht sich Arlo Parks auf das Spiel mit popkulturellen Bezügen, das auch Nabelschau-Lieder, wie „Hope“ zum Beispiel, mit seinen etwas altklugen Sentenzen („We all have scars“), zurück auf belastbaren Boden holt. Manchmal, rät Arlo Parks einem offensichtlich schwer ramponierten Gegenüber in „Black Dog“, muss man einfach rausgehen, etwas essen – und seine Tabletten nehmen. So viel (über-)lebensfroher Pragmatismus macht dann tatsächlich Hoffnung. (jole)

Info

Pop Arlo Parks: Collapsed in Sun­beams. Transgressive Records/PIAS.


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