90 Jahre Thomas Bernhard: Zärtliche Zumutung, furiose Fürze

Thomas Bernhards Geburt jährt sich zum 90. Mal: Halbbruder Peter Fabjan erinnert an das nie einfache Leben mit dem Autor – und Illustrator Nicolas Mahler legt eine herrlich unkorrekte Bernhard-Biografie vor.

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Thomas Bernhard wäre am 9. Februar 90 Jahre alt geworden.
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Innsbruck – Im Untertitel „Ein Rapport“ klingt militärisches Pflichtbewusstsein an. Doch Rapport bedeutet nicht nur untertänigsten Bericht. Sondern beschreibt auch ein Miteinander. Peter Fabjans „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“ – das nun pünktlich zum 90. Geburtstag des 1989 gestorbenen Schriftstellers erschienen ist – denkt beide Bedeutungen zusammen. Und erweist Bernhards Spleen, Texte mit eigenwilligen Gattungsbezeichnungen zu versehen, eine Reverenz. „Holzfällen“ (1984) etwa war für Bernhard nicht Roman, sondern „Erregung“. Auch für seine fünf autobiografischen Erzählungen fand Bernhard Genregrenzen sprengende Zusätze: „Die Ursache“ (1975) war „Andeutung“, „Der Keller“ (1976) „Entziehung“, „Die Kälte“ (1981) „Isolation“ und der letzte Teil „Auslöschung“ (1986) „Zerfall“. Einzig Teil vier, „Ein Kind“ (1982), kam ohne aus. Geschrieben habe Bernhard seine Autobiografien, damit seine Geschwister nichts erzählen müssen – und die Welt trotzdem erfährt, „woher bei mir das alles kommt“.

Das jedenfalls erinnert Peter Fabjan. Fabjan, Jahrgang 1938, ist Bernhards jüngerer (Halb-)Bruder. Er hat den „zum Tode hin lebenden“ Schriftsteller als Arzt betreut. Seit 1989 verwaltet er Bernhards Erbe.

Mit seinem „Rapport“ zeichnet Fabjan die Beziehung zu Bernhard nach. Auch er will sich erklären, woher alles kam. Vor allem dieser Zorn. Der Wille, alles und jeden zu vernichten. Auch und gerade die, die es gut mit ihm meinten.

Eine Herausforderung für die Gesellschaft sei Bernhard gewesen, konstatiert Fabjan. Und „ein Glücksfall für die Literatur“. Letzteres steht außer Zweifel. Bei Ersterem ließe sich Herausforderung auch durch Zumutung ersetzen.

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Dass der Zumutung schon in jungen Jahren viel zugemutet wurde, stellt Fabjan in Form einer sachlichen Familienaufstellung dar: von den Großeltern über die Eltern, Onkeln, Tanten bis zu den Geschwistern, die Verhältnisse waren karg, verworren und reich an größeren und kleinen Katastrophen. Es tummeln sich Trunksüchtige und Kleinkriminelle, Eigenbrötler, ernüchterte „Weggeher“ und geprügelte „Zurückkommer“. Mitunter liest sich Fabjans Kabinett groß und klein gescheiterter Überlebensversuche wie von Thomas Bernhard selbst ersonnen: gespenstisch, grausam, unversöhnlich.

Bernhard wurde am 9. Februar 1931 in niederländischen Heerlen geboren. Dorthin hatte sich seine Mutter geflüchtet, als ihre Schwangerschaft sichtbar wurde. Für eine Abtreibung fehlen Zeit und das Geld. Der Vater, ein späterer Selbstmörder, stiehlt sich aus der Verantwortung. Bernhard wird ihn nie kennen lernen. Der Ziehvater verweigert dem Kind die Zuneigung – und erntet lebenslangen Groll. Der Großvater, ein Heimatdichter, lässt sich vom Rest der Familie aushalten – den kleinen Thomas aber fördert er. Er wird zu Bernhards erstem „Lebensmenschen“. Der zweite, die Wiener Beamtenwitwe Hedwig Stavianicek, gab schon Bernhards Zeitgenossen Rätsel auf. Er stellte sie als „Tante“ vor, lebte eine Zeit lang in ihrer Großbürgerwohnung, kümmerte sich um die knapp 40 Jahre ältere Frau in den Monaten vor ihrem Tod aufopferungsvoll. Als Stavianicek 1984 stirbt, denkt Bernhard an Suizid. Danach wird „der gute Bruder“ Peter Fabjan zur Bezugsperson des Autors. Bernhard forderte Zuneigung ein. Fabjan gehorcht. Als Mediziner ist er einiges gewöhnt – und macht sich keine Illusionen. „Viel habe ich ihm damals nicht geben können“, schreibt er. „Die Zuneigung, das gemeinsame Erleben seines Leidens war alles.“ Peter Fabjan hat ein zärtliches Buch über Thomas Bernhard geschrieben. Warum Bernhard selbst zum Zarten nicht fähig war, dekliniert Fabjans Diagnose einer verwunschenen Familie plausibel durch. Gerade der sachliche Ton des Rapports macht ihn zur rührenden Erzählung. Thomas Bernhard hätte seine sofortige Vernichtung gefordert. Und danach böse über die Vernichtung geschimpft. (jole)

Sachbuch Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport. Suhrkamp, 200 Seiten, 24,70 Euro.

Zärtliche Zumutung, furiose Fürze

Ende der 1960er-Jahre packt Thomas Bernhard seinen Rucksack und wanderte durch Österreich – und verkaufte dabei mehrere tausend Exemplare seiner Bücher. Auf ungleich konventionellerem Vertriebsweg war es seinem Verlag bis dahin nur gelungen, knapp 1800 Bernhard-Bücher abzusetzen. Diese Anekdote erzählt der Wiener Illustrator in seiner neuen Bernhard-Biografie. Sie stimmt natürlich nicht ganz. Bernhard empörte sich in einem Brief an seinen Verleger Siegfried Unseld lediglich über die niedrigen Verkaufszahlen – und behauptete, er würde als fahrender Händler erfolgreicher sein als sein „so großer und so guter Verlag“. Das stellt Mahler im Anhang seines Buches richtig. Auch andere der 99 in knappen Sätzen und breitem Pinselstrich arrangierten Episoden relativiert Mahler hintennach. Dass Peter Handke einen Anzug kaufte, den Bernhard zurückgegeben hatte, lasse sich – leider (Anm. d. Red.) – nicht belegen; nicht das Burgtheater, sondern die Festspiele in Salzburger nannte der Regisseur Claus Peymann einmal eine „schicke Scheiße“. Und nicht alle Preise, die Mahler anführt, gewann tatsächlich der vielbepreiste Bernhard. Den Sinnlos-Fernsehpreis Bambi allerdings, den Marcel Reich-Ranicki in der Richtigstellung ablehnen darf, nahm der „Literaturpapst“ in Wirklichkeit an. Erst dem Deutschen Fernsehpreis verweigerte er sich. Der einzige echte Fehler also, der sich in Mahlers ansonsten tadellos recherchierter „unkorrekter“ Bernhard-Biografie findet. Ins Gewicht fällt er nicht. Das Buch ist trotzdem toll. Es nimmt den „Übertreibungskünstler“ beim Wort, trifft Ton und Geist von Zeit und Werk immer wieder verblüffend punktgenau. Nicola­s Mahlers Beinahe-Biografie ist witzig. Aber sie verwitzelt nicht. Der Tod ist in Gestalt eines schwarzen Vogels Bernhards ständiger Begleiter.

Neben Unseld, Handke, Peymann und Reich-Ranicki haben Sinowatz und Waldheim (samt Pferd) Gastauftritte. Auch Christine Lavant schaut vorbei; „Lebensmensch“ Hedwig Stavianicek bekommt ein zerrupftes Blümchen; Elias Canetti gewinnt ein als Boxkampf ausgestaltetes Wortgefecht klar nach Punkten; Heimito von Doderer tritt ab – und macht den Weg für Bernhard frei. Auf langen Spaziergängen mit Immobilienmakler Hennetmair, der dem Schriftsteller in Ohlsdorf mehrere Liegenschaften verkaufte, darf Thomas Bernhard furios furzen. Das hat Mahler nicht erfunden. Es gibt Quellen, die den „Schas“ belegen. (jole)

Graphic Novel Nicolas Mahler: Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie. Suhrkamp, 124 Seiten, 16,50 Euro.


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