„Die Ausgrabung“: Archäologie der Gefühle im Schatten eines Kriegs

In „The Dig“ („Die Ausgrabung“) suchen Carey Mulligan und Ralph Fiennes in der Regie von Simon Stone während des Kriegs archäologische Spuren.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
Hochkarätig besetztes Doppel: Carey Mulligan spielt Edith Pretty, Ralph Fiennes ist als Basil Brown zu sehen.
© Netflix/Larry Horricks

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – In einer Ausnahmezeit geraten langfristige Dinge aus dem Blickfeld. Das ist nicht nur in der jetzigen Pandemie so, sondern auch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Die englische Landbesitzerin Edith Pretty will den seltsamen Hügeln auf ihrem Land in Sutton Hoo dennoch auf den Grund gehen. Also heuert sie Basil Brown an, der sich seine archäologischen Kenntnisse ohne viel Theorie selbst angeeignet hat. Im Mai 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, beginnt er seine Arbeit an den mutmaßlichen Grabhügeln, und bald fördert er erstaunliche Spuren einer vergangenen Zeit zu Tage.

Aber auch Gegenwart und Zukunft werfen ihre Schatten: Royal-Airforce-Flugzeuge kreisen am Himmel, und Soldaten machen sich bereit, während am Ende des Films tatsächlich die Stimme von Premierminister Neville Chamberlain mit der Kriegserklärung aus dem Radio spricht.

Gemeinsames Schicksal

Regisseur Simon Stone lädt seine Grabungsgeschichte mit feiner zwischenmenschlicher Emotion seiner Figuren auf. Edith Pretty ist Witwe mit einem aufgeweckten, neugierigen Schulkind, das sie im Alter von 47 Jahren zur Welt brachte. Aber sie ist auch herzkrank und weiß, dass nicht nur der Krieg nicht mehr weit ist. Basil dagegen ist ein wortkarger Eigenbrötler, dem die Anerkennung für seine Arbeit von den studierten Museumschefs verwehrt wird.

Trotz Klassenunterschieds haben die beiden einiges gemeinsam. Als Frau und als proletarischer Arbeiter teilen sie das Schicksal von wenig Chancen auf formale Bildung. Männer in Anzügen wollen ihnen sagen, was zu tun sei.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

📽️ Video | Trailer zu „Die Ausgrabung“

Die Oscar-nominierten Ausnahmedarsteller Carey Mulligan („An Education“) und Ralph Fiennes („Schindlers Liste“) lassen die Emotionen mit ihrer Genre-Erfahrung aber nie ins Kitschige abgleiten. Beide haben mit „Far from the Madding Crowd“ bzw. „The English Patient“ bereits ähnlich gelagerte Historien-Dramen überzeugend auf die Leinwand gebracht.

Diesmal werden die historischen Kostüme mit britischem Charme und anfangs angenehm zügigem Tempo belebt. Es gelingt, mehr an Geschichte zu erzählen, als die bloße Historie im Erdboden zunächst preisgibt. Der Film erweitert sich über die Grabung hinaus zusehends zur bittersüßen Reflexion über unerfüllte Liebe, Sterblichkeit und das Vermächtnis, das von uns bleibt.

Ein paar Erzählstränge weniger und vor allem ein besserer Filmtitel hätten „The Dig“ gut getan. Insgesamt erweisen Simon Stone und Drehbuchautorin Moira Buffini diesem Kapitel englischer Archäologie-Geschichte in ihrer Romanverfilmung von John Preston aber mit recht sanftem Stil ihre Reverenz.

Die Gräber- und Schlachtfelder der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert werden einst viel grausamere Spuren zu Tage fördern.

König Rædwald von East Anglia, der in Sutton Hoo begraben liegt, hätte sich dagegen um das Jahr 600 wohl kaum gedacht, dass er knapp eineinhalb Jahrtausende später einmal eine Nebenrolle in einem Weltkrieg und nun in einer Bewegtbild-Erzählung spielen würde.


Kommentieren


Schlagworte