Große Umsiedel-Aktion in Langkampfen: Eine Zirbe verzaubert ein Dorf

Fünf Jahrzehnte wuchs eine Zirbe in Langkampfen heran, nun hätte sie gefällt werden müssen. Wie im Märchen bekommt sie eine zweite Chance – aber gibt es auch ein glückliches Ende?

Bauhofleiter Peter Adensam, Waldaufseher Hannes Hotter, BM Andreas Ehrenstrasser und „Baummami“-Enkelsohn Daniel Ehrenstrasser freuen sich: Zwei Monate nach der Umsiedelung scheint es der Zirbe am neuen Standort beim Bauhof gut zu gehen.
© Hrdina

Von Jasmine Hrdina

Langkampfen – Es war einmal – und ist immer noch – eine Zirbe in Langkampfen. Die Geschichte der zweiten Chance eines Nadelbaums im Tiroler Unterland liest sich wie ein Märchen: Der „Dorfkönig“ verliebt sich in eine Zirbe, die zuvor schon Generationen verzaubert hatte. Um sie vor der Kettensäge zu retten, packt schließlich eine ganze Bürgerschar mit an, verpflanzt den Koloss an einen sicheren Ort. Doch eigentlich ist der Baum fremd im Reich – wird es ein glückliches Ende geben?

Um den Zehn-Meter-Koloss behutsam bergen zu können, waren ein Dutzend Arbeiter und Bagger notwendig.
© Ehrenstrasser

Herta Ehrenstrasser kennt jede Zeile der romantischen Geschichte. War sie doch dabei, als die Zirbe vor 50 Jahre­n in ihrem Garten gepflanzt wurde. Ein Wandersmann – es war der mittlerweile verstorbene Nachbar Jakob Kostenzer – brachte den Setzling von einer Senneralm im Alpbachtal mit. Entgegen allen Erwartungen streckte sich das Kieferngewächs, das für gewöhnlich Urgesteinsböden in Höhen über 1300 Metern bevorzugt, auch im Kalkgestein-Erdreich der 500 Meter hoch liegenden Gemeinde von Jahr zu Jahr immer weiter dem Himmel entgegen. „Wir verbrachten viele gemeinsame Stunden bei Kaffee, Kuchen und Kartenspiel unter dem Baum, der uns Schatten spendete“, erinnert sich Ehrenstrasser daran, wie mit der Pflanze auch die Freundschaft zu den Nachbarn wuchs.

Der Baum wurde mit einem Tieflader transportiert.
© Ehrenstrasser

Vergangenen Herbst stand die Erweiterung des Familienbetriebs, einer Tischlerei, an – der Baum sollte weichen. „Wir waren schon etwas wehmütig“, so Ehrenstrasser, „immerhin hätte er aber noch als Dorfchristbaum dienen sollen.“ Doch bei der Bauverhandlung war der „Dorfkönig“, Bürgermeister Andreas Ehrenstrasser, derart von der prächtigen Zirbe angetan, dass er anordnete, man möge das Gewächs doch zur Bienenwiese beim Bauhof umsiedeln.

Ein Dutzend Männer und Frauen samt Tieflader und Bagger rückten im November an, um den zehn Meter hohen Koloss auszugraben und zu verladen. „Das Wurzelwerk war breit und hatte einen Durchmesser von sechs Metern. Dabei war es wichtig, die filigranen Wurzeln nicht zu verletzen, weil diese entscheidend für die Wasserversorgung sind“, erinnert sich Waldaufseher Hannes Hotter an das aufwändige Prozedere.

Ob der Baum die Aktion überleben wird? Zwei Monate später grünt er zumindest noch. „Die Chancen stehen bei 50 Prozent. Aber er ist ja schon einmal angewachsen, obwohl man es nicht erwartet hatte“, zeigt sich Hotter zuversichtlich. Man habe auch extra viel Mutterboden aus dem Garten mitgenommen. Zur Sicherheit bei Wind und Wetter wird die Zirbe für die nächsten Monate mit Holzlatten gestützt.

„Der Baum ist einzigartig, so einen kannst du nicht kaufen“, rechtfertigt der Bürgermeister den Aufwand von geschätzten 2000 Euro Kosten plus Arbeitskräfte. In Hotters Forstaufsichtsgebiet, das sich von Langkampfen über Maria­stein bis Angerberg erstreckt, sei dem Waldaufseher keine weitere Zirbe bekannt.

„Nun kann ich ‚meinen‘ Baum immer besuchen und in Erinnerungen schwelgen“, strahlt „Baummami“ Ehren­strasser. Sollte er genug Zapfen für einen Zirbenlikör tragen, sei dieser den Bauhofmitarbeitern gegönnt, die die Umsiedelung gemeistert haben, lacht Enkelsohn Daniel Ehrenstrasser. Vielleicht eine Fortsetzung in der Geschichte jener Zirbe, die ein Dorf verzauberte.


Kommentieren


Schlagworte