Literaturhaus am Inn: „Dichten wird man ja wohl noch dürfen“

Das Literaturhaus am Inn trotzt Corona mit Online-Journalen, virtuellen Lesungen und Radioraritäten.

Cécile Wajsbrot, 2019 Writer in Residence der Uni Innsbruck, präsentiert ihren Roman „Zerstörung“ heute auf www.literaturhaus-am-inn.at.
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Innsbruck – Lukas Meschik wird beim Warten auf die U-Bahn für einen frühverstorbenen, neuerdings seliggesprochenen Blogger gehalten, der sich die höheren Weihen durch akribische Dokumentation eucharistischer Wunder verdiente. Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Carlo Acutis und dem Wiener Autor lässt sich tatsächlich ausmachen. Sie wird von dem, der sie am Bahnsteig und noch dazu von hinten, erkannte, mit einem Heiligenbild belohnt. In Zeiten des „Social Distancing“ nimmt sich selbst ein Zufallskontakt im öffentlichen Nahverkehr wie ganz uneucharistisch wundersam aus. Tags darauf fordert Meschik, aktueller Gedichtband „Raketen“ (Limbus, 95 Seiten, 15 Euro), seine Leserschaft in gebundener Sprache dazu auf, wenigstens die Wörter tanzen zu lassen: „Und dichten/Wird man ja wohl noch dürfen“. Das war der vergangene Freitag und Meschiks letzter Eintrag im „Journal aus diesen Tagen“.

Literaturhaus am Inn bietet Online-Plattform für heimische Schriftsteller

Seit sich Corona im Frühjahr 2020 zur Pandemie auswuchs, beauftragt das Innsbrucker Literaturhaus am Inn mit heimische Autorinnen und Autoren damit das auf www.literaturhaus-am-inn.at abrufbare Journal für jeweils eine Woche mit Ausnahmezustandsbeschreibungen zu füllen. Robert Prosser berichtete aus Beirut, Petra Maria Kraxner aus Berlin. Auch Hans Platzgumer, Tanja Reich und Daniel Wisser gingen für das Literaturhaus auf die Spur der Gegenwart – und lieferten durchwegs mehr als schön formulierte Befindlichtexte. In dieser Woche führt die Lyrikerin Regina Hilber das „Journal aus diesen Tagen“.

Präsenzveranstaltungen sind auch im Literaturhaus bis auf Weiteres nicht möglich. Stillstand erlaubt sich das Team um Leiterin Anna Rottensteiner deshalb keinen. Regelmäßig stehen virtuelle Lesungen auf dem Programm. Heute Abend, 19 Uhr, etwa präsentiert Cécile Wajsbrot ihren Roman „Zerstörung“ (Wallstein, 230 Seiten, 20,70 Euro). Die Videoschaltung nach Paris wird von Bachmannpreis-Jurorin Brigitte Schwens-Harrant moderiert. Am Donnerstag, 11. Februar, stellt die belarussische Autorin Volha Hapeyeva ihr Debüt „Camel Travel“ (Droschl, 128 Seiten, 18 Euro) vor. Die Lesung ist Auftakt einer Schwerpunktes über postsowjetische Literatur.

„Der Himmel ist ein kleiner Kreis", von Carolina Schutti

Live aus dem Literaturhaus wird am Freitag, 12. Februar, Carolina Schuttis Lesung aus ihrem neuen Roman „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ (Droschl, 152 Seiten, 19 Euro) übertragen. Xaver Schutti umrahmt die Buchpremiere musikalisch. Die technische Ausstattung des Hauses wurde in den vergangenen Monaten den neuen Herausforderungen angepasst. Lesungen heimischer Autorinnen und Autoren sollen auch künftig vor Ort aufgezeichnet werden. Alle Veranstaltungen sind im Anschluss auch über den Youtube-Kanal des Literaturhauses abrufbar.

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In Kooperation mit Freirad, dem freien Radio Innsbruck, wurde zudem die Reihe „Hörbar“ ins Leben gerufen, die Preziosen aus dem Archiv des Literaturhauses zugänglich macht, an diesem Donnerstag etwa den Mitschnitt einer 2000 aufgezeichneten Veranstaltung mit der 2008 verstorbenen Übersetzerin Edith Silbermann, die von ihren Begegnungen mit Paul Celan berichtet und Celans Gedichte liest. (jole)


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