Kaltgestellt mit Tunnelblick: Carolina Schuttis „Der Himmel ist ein kleiner Kreis"

Die Innsbruckerin Carolina Schutti legt mit „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ einen neuen Roman vor.

Die Innsbrucker Autorin Carolina Schutti nahm 2020 am Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb teil.
© Hedi Neuerer

Innsbruck – In „Nadjeschda“, Carolina Schuttis Beitrag zum letztjährigen Bachmann-Wettbewerb, verschmolzen die Innen- und Außenwelt einer erzählenden Protagonistin zu einem sprichwörtlich verrückten Bewusstseinsstrom: Da ringt eine Erzählinstanz mit der und um eine Sprache, will das, was ist, und das, was war und in einer Anstalt endete, in eine Form zu bringen. Die Erzählung war nicht immer vordergründig schlüssig, aber anschaulich: Ein von konkreten Bildern beklemmend eng gerahmter Fluss von Wahrnehmungen und Empfindungen.

Strang des Romans im sibirischen Niemandsland

Diesem Verfahren bleibt Schutti in ihrem neuen Roman „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ treu. Manche Motive kehren beinahe wortgleich wieder. Auch die im Titel der Erzählung angedeutete Tendenz zum Russischen gibt es noch. Ein Strang des Romans ist im sibirischen Niemandsland angesiedelt, wo sich weder Wolf noch Bär hinverirrt – und eine Frau namens Ina von einem gewissen Boris dazu angehalten wird, sich auf den nahenden Winter vorzubereiten. Dass Boris selbst vornehmlich kommandiert und immer wieder für mehrere Tage verschwindet, legt nahe, diese Passagen als Parabel zu lesen. Ina wird in einer nebulösen Abhängigkeit gehalten. Ist Boris – „der Chef“ – weg, sind es die Umstände, die Pflichterfüllung fordern. Ina tut nichts. Alles, was sie tut, will getan werden. Schon davor ist es Boris, der Inas eigene Vorhaben, ihre Versuche, aktiv die Kontrolle zu übernehmen, als Hirngespinste abtut. In seiner Welt hat Ina Objekt zu bleiben.

Auch die zweite Geschichte, die „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ erzählt, handelt in letzter Konsequenz vom Versuch einer Frau, Kontrolle über ihr Leben (zurück-)zuerlangen. Hier sind die Parallelen zur „Nadjeschda“-Erzählung augenscheinlich: Eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin eröffnet Einblicke in ihr Ringen mit einer Umgebung, die sie als übergriffig bis feindlich empfindet. Sie sitzt in einer nicht näher definierten Einrichtung ein. Ihre Tage sind getaktet. Anders als bei einem Mitinsassen, der zur einzigen Bezugsperson wird, ist eine baldige Entlassung ausgeschlossen. Sie wurde kaltgestellt – und reagiert mit feuriger Wut. Schutti verdichtet das, was ihre Protagonistin sieht, das, was sie erinnert, das, was sie (alp-)träumt, und das, was sie versucht, um aus ihrer streng überwachten und penibel durchgetakteten Pein auszubrechen, zur Tunnelblickperspektive. Man weiß zwar bisweilen nicht, auf was man schaut, aber das, was man sieht, geht einem erschreckend nahe. (jole)

Roman Carolina Schutti: Der Himmel ist ein kleiner Kreis. Droschl, 146 Seiten, 19 Euro. Online-Buchpremiere. Freitag, 19. Februar, 19 Uhr, auf www.literaturhaus-am-inn.at


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