Alarmstimmung ist für Experten fehl am Platz, Platter lehnt Quarantäne ab

Für Gesundheitsminister Anschober ist die Lage in Tirol ernst. Landeshauptmann Platter sieht dennoch keinen Grund für eine Isolation Tirols. Auch Experten winken ab.

Ob Tirol eine neuerliche (Selbst-)Isolation – wie bereits im Frühjahr 2020 – blüht, könnte sich am Sonntag entscheiden.
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Innsbruck, Wien – Mitten während der gestrigen Landtagssitzung holte Landeshauptmann Günther Platter (VP) die Klubobleute zu sich. Gut eine Stunde lang dauerte die Beratung. Im Anschluss trat Platter dann vor den Landtag und stellte eines klar: „Eine Isolation Tirols ist nicht vorgesehen. Das gibt die Datenlage nicht her.“ Wie berichtet, hatte Virologin Dorothee von Laer am Mittwoch die Abriegelung Tirols medial eingefordert. Nur so könnten die grassierenden Virusmutationen – also die britische, aber insbesondere die südafrikanische Mutante – eingefangen werden. Der Aufschrei war enorm.

Platter betonte in eindringlichen und mit Sorgfalt gewählten Worten, dass man das aktuelle Virusgeschehen im Land – Hotspots sind aktuell der Bezirk Schwaz und Osttirol – nicht auf die leichte Schulter nehme. Jedoch müsse bei den abzuwägenden Maßnahmen hinsichtlich der jüngsten Mutations-Entwicklungen auch „die Verhältnismäßigkeit gegeben sein“. Eine Landes-Quarantäne sei dies nicht. Jedoch, schränkte Platter ein, müsse natürlich die Lage täglich neu bewertet werden. Zum gestrigen Zeitpunkt habe Tirol, so Platter, mit 98,1 eine niedrigere Inzidenzzahl als der Österreichschnitt (104) gehabt.

Landeshauptmann Günther Platter: „Eine Isolation Tirols ist nicht vorgesehen. Das gibt die Datenlage nicht her.“
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Noch gestern beschloss das Land nach intensiven Beratungen mit Experten und dem Bund, vorerst beim Testen und der Kontaktnachverfolgung anzusetzen, sprich selbige noch einmal zu intensivieren. „Wir fahren alle Systeme hoch“, erklärte Platter.

(Massen-)Tests in Bezirken Schwaz und Lienz

Massentests in Schwaz und Umgebung sowie ein gezieltes Testangebot in Osttiroler Gemeinden am Wochenende sind fixiert. Im Land stünden 118 Teststraßen zur Verfügung, 600 Personen sind zum Contact Tracing abkommandiert. Zusätzlich sollen alle K1- und K2-Personen mit PCR-Test unter die Lupe genommen werden. Diese Tests würden sequenziert.

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📽️ Video | Platter wehrt sich gegen Abschottung Tirols

Indirekte Schützenhilfe erhielt das Land gestern von Expertenseite. Als nicht so brenzlig, wie von von Laer am Mittwoch dargestellt, schätzt nämlich auch HG-Pharma-Geschäftsführer Ralf Herwig die Situation in Tirol ein. Seine Firma wertet den Großteil der PCR-Test aus und kann inzwischen binnen eines Tages verdächtige PCR-Proben herausfiltern. Die schicke man dann an die Innsbrucker Virologie.

Herwig vermutet nun ein Missverständnis hinter von Laers Alarmstimmung. Die Expertin dürfte angenommen haben, einen repräsentativen Querschnitt positiver PCR-Tests zur Sequenzierung bekommen zu haben. In Wirklichkeit habe ihr HG Pharma aber eben nur die auffälligen Proben geschickt, erklärt Herwig. Daraus habe sich der hohe Anteil an südafrikanischen Varianten ergeben.

Ralf Herwig (HG-Pharma-Chef): „Jetzt ist die Mithilfe der Bevölkerung gefragt. Je mehr kommen, desto größer die Chance, das einzudämmen.“
© Thomas Böhm

Aber auch die sehr gute Datenlage in Tirol – Herwig bezeichnet sie als die beste in Europa derzeit – trage zu höheren Fallzahlen bei. Einfach, weil sie das tatsächliche Infektionsgeschehen dank der Massenscreenings und der Proben-Voruntersuchungen realistischer darstelle als in den anderen Bundesländern, erklärt Herwig.

Um für Tirol ein klares Bild zu schaffen, werde man in den nächsten Tagen weitere Massenscreenings durchführen. Panik sei bis dahin keine angebracht. 75 Fälle seien bei der Gesamt-Sequenzierung, die nur in Wien durchgeführt werden könne, bislang bestätigt worden. Fünf davon seien noch aktiv.

Massive Einschränkungen für Tirol schließt Herwig allerdings auch noch nicht aus. „Das entscheiden letztlich die Bürger. Je mehr an den Tests teilnehmen, desto größer ist die Chance, die Variante gezielt einzudämmen“, erklärt Herwig. Eine magere Teilnahme hingegen erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass man aus Sicherheitsgründen großflächige Maßnahmen ergreifen müsse, appelliert der Arzt an alle, mitzutun. Und meint abschließend: „Ich sehe mich als Konterpart zu Dorothee von Laer, ich bin der Optimist, sie die Pessimistin. Entscheiden, was passiert, muss der Realist – die Politik.“

Dorothee von Laer meinte auf Anfrage gestern: „Morgen wissen wir mehr.“

„Das Problem ist, dass niemand die Zukunft kennt und niemand weiß, wohin das grelle Scheinwerferlicht als nächstes fällt“, sagt Public-Health-Experte Martin Sprenger. Derzeit sei es auf die Mutationen gerichtet. „Unklar ist, welche Ziele erreicht werden sollen und ob eine Abschottung Tirols dafür die beste Strategie ist.“ Neben dem Nutzen einer solchen Maßnahme müsse auch immer der potenzielle Schaden berücksichtigt werden. „Sinnvoll wäre es, die Situation nicht nur aus virologischer Sicht, sondern aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, um die Verhältnismäßigkeit aller Maßnahmen sicherzustellen.“

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) kündigte gestern an, dass am Sonntag die „ernste Lage“ in Tirol anhand der vereinbarten Tests und deren Ergebnissen neu analysiert werde. Das von Tirol erstellte Programm bezeichnete Anschober als „sehr straff“.

Grünen-Klubobmann Gebi Mair meint, dass in den kommenden Tagen „das Fahren auf Sicht mit ständiger Bremsbereitschaft“ nötig sei. Während die SPÖ erneut das Tiroler Krisenmanagement kritisierte, warnte FP-Klub­obmann Markus Abwerzger: „Die Bundesregierung tut gut daran, die Finger von Tirol zu lassen.“ (sta, aheu, mami)

💬 Experte Weiss spricht sich klar gegen Tiroler Isolation aus

Der Innsbrucker Infektiologe und Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin Günter Weiss klar gegen eine mögliche Isolation Tirols aufgrund der Ausbreitung der süd­afrikanischen Corona­virus-Variante aus: "Wir sind nicht auf einer Insel, wo wir über so etwas reden könnten und wo es Sinn machen würde." Die ebenfalls diskutierte Verlängerung des Lockdowns bezeichnet er als "keine gute Idee".

Die von der Bundes­regierung beschlossenen Maßnahmen bzw. Lockerungen mit 8. Februa­r seien "sehr gut und sehr vernünftig".

▶️ Zum Interview mit Günter Weiss


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