Seit 50 Jahren bundesweites Frauenwahlrecht in der Schweiz

50 Jahre ist es nun her, dass eine der letzten Schweizer Besonderheiten zu Grabe getragen wurde: Mit klarer Mehrheit stimmten die eidgenössischen Männer am 7. Februar 1971 für die Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene und gaben damit den Schweizer Frauen endlich ihre vollen politischen Rechte. Nun hatten die als „Suffragetten“ bezeichneten Frauenrechtlerinnen ihren jahrelangen Kampf gewonnen, wie die Nachrichtenagentur Reuters einmal analysierte.

Der Weg zu mehr Gleichberechtigung war damit jedenfalls frei, die Schweiz aber im Europavergleich sehr spät dran. Nur im angrenzenden Fürstentum Liechtenstein dauerte es noch länger, bis auch Frauen zur Urne schreiten durften. Nämlich bis 1984. Mitunter wird auch Portugal hinter die Schweiz gereiht, weil dort das volle Frauenstimmrecht erst nach Ende der Militärdiktatur 1974 eingeführt wurde. Doch hatten Frauen in dem Staat auf der Iberischen Halbinsel bereits 1931 das aktive und passive Wahlrecht erhalten, allerdings unter der Bedingung, dass sie mindestens die Sekundarschule abgeschlossen hatten. Portugiesische Männer dagegen mussten damals nur lesen und schreiben können, um wählen zu dürfen.

Aber zurück zur Schweiz: 61 kantonaler Abstimmungen hatte es vor dem denkwürdigen Votum im Jahr 1971 bedurft. Bereits 1918 hatte ein sozialdemokratischer Nationalrat einen ersten Vorschlag präsentiert, der jedoch von der großen Kammer des Parlaments abgelehnt wurde. Nach weiteren Fehlschlägen begann dann 1959 und 1960 die Mauer des Widerstands abzubröckeln, die Kantone Neuenburg (Neuchâtel), Waadt und Genf genehmigten ihren Frauen das Stimmrecht - wenn auch nur auf Kantons-Ebene.

Fast zeitgleich kam es 1959 zur ersten landesweiten Abstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht. Und die Männer gaben mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit ihrem Misstrauen dem weiblichen Geschlecht gegenüber deutlichen Ausdruck. Knapp 20 Jahre später war das Frauenstimmrecht unter den meisten Parlamentariern vom Grundsatz her unbestritten, und auch die Kirchen begannen sich dafür stark zu machen. Doch trotzdem war in dem neutralen und etwas eigenwilligen Land, das beispielsweise erst 2002 der UNO beitrat, nach einem Bericht der „Neuen Züricher Zeitung“ noch viel von den „unbekannten Folgen“ des Frauenstimmrechts die Rede.

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So warnte ein Leserbrief-Schreiber noch 1971 vor einer „Sexwelle“, die vor allem in Staaten mit Frauenstimmrecht aufgekommen sei. Ein in Schaffhausen beheimatetes „Komitee zum Schutze der politisch nicht interessierten Frau“ sah die Eidgenossinnen mit dem Stimmrecht gar „zwangsläufig total überfordert.“ Und der „Bund der Züricherinnen gegen das Frauenstimmrecht“ zitierte warnend eine Psychiaterin mit den Worten: „Wenn die Männer zu willigen Hampelmännern werden, dann haben die Frauen nichts mehr, an dem sie heraufschauen können. Sie werden dann unglücklich und machen ihre Männer unglücklich.“

Als dann am 7. Februar 1971 zum zweiten Mal landesweit über das Frauenstimmrecht entschieden wurde, votierten fast zwei Drittel der stimmberechtigten Männer mit Ja. Bis auf die beiden Appenzeller Halbkantone schlossen sich binnen zwölf Monaten alle Kantone dem Votum auf ihrem Gebiet an. Dass es in der Ostschweiz, im kleinen erzkatholischen Teilkanton Appenzell-Innerrhoden, aber noch knapp 20 Jahre dauern sollte, bis sich die Frauen dort auch an kantonalen Abstimmungen beteiligen durften, zeigt wohl das besondere Verhältnis mancher Schweizer zum Frauenstimmrecht.

Zwar wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau - zehn Jahre nach dem Votum über das Frauenstimmrecht - 1981 in die Verfassung aufgenommen. Doch lehnten die Innerrhödler seit 1973 in ihrer Landsgemeinde, der Vollversammlung aller Männer, gleich dreimal die Mitwirkung der Frauen an der kantonalen Politik ab. Zuletzt verwarf die Innerrhodener Landsgemeinde 1990 das Frauenstimmrecht. „Nur faule Weiber, die den ganzen Tag im Café herumsitzen und fünf vor zwölf eine Raviolibüchse öffnen, wollen das Stimmrecht“, argumentierten die Männer laut Schweizer Nachrichtenagentur sda damals, und außerdem „hätten die Weiber ja gar keinen Säbel zum Abstimmen“. Da bedurfte es schon des Schweizer Bundesgerichts in Lausanne, damit das letzte Männer-Regime im 13.500 Seelen starken Käse-Kanton dann doch abdankte.

Doch haben sich die Frauen mittlerweile in der Schweizer Politik etabliert. Im Nationalrat, dem Abgeordnetenhaus des Eidgenössischen Parlaments, sind seit den vorläufig letzten Wahlen 2019 von 200 Mandataren 84 Frauen. Damit beträgt ihr Anteil genau 42 Prozent. Also etwas mehr als in Österreich. Dort sind von den 183 Abgeordneten des Nationalrats derzeit 73 Frauen (39,89 Prozent). In der siebenköpfigen Schweizer Kollegialregierung (Bundesrat) sind drei Frauen vertreten.

Der renommierte Politikwissenschaftler Claude Longchamp (63) brachte es gegenüber Schweizer Medien zum 50-Jahr-Jubiläum auf den Punkt: „In Parlament und Regierung entscheiden immer noch die Männer.“ Anders bei den in der Schweiz identitätsstiftenden Volksabstimmungen: Da bestimmen oftmals die Frauen, wo es langgeht. Longchamp analysierte, dass sich Frauen in den vergangenen 30 Jahren bei Referenden öfter durchgesetzt hätten als Männer. Sie etablierten etwa 1994 eine Rassismus-Strafreform oder verhinderten 2014 den Ankauf neuer Kampfjets für die Schweizer Armee.


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