Murakamis „Erste Person Singular“: Im Leerlauf durch die Pause

Mechanische Fingerübungen und gehobene Langeweile: Haruki Murakami legt mit „Erste Person Singular“ eine neue Erzählsammlung vor.

Haruki Murakamis Werke wurden bislang in rund 50 Sprachen übersetzt.
© imago

Innsbruck – Der Affe, so scheint es, erlebt dieser Tage eine literarische Renaissance. T. C. Boyle lässt in seinem jüngsten Roman „Sprich mit mir“ einen Schimpansen über die Pein, die ihm von wissensdurstigen und gewinnsüchtigen Menschen angetan wird, sinnieren. Und auch bei Haruki Murakami – laut einschlägigen Wettanbietern immer mal wieder Anwärter auf den Literaturnobelpreis – spricht ein Affe über das, was ihn quält. Er begehrt Menschenweibchen – und wird von diesen abgewiesen. Weshalb er – auch Affen, selbst wenn sie Bruckners Siebte mögen, verstehen sich auf toxische Männlichkeit – ihnen ihre Namen klaut. Die Frauen können sich fortan nicht mehr daran erinnern, wie sie heißen. Dann faselt der Affe noch etwas von der Liebe als „Brennstoff, der uns am Leben hält“, und „reinen Übergriffen“ – und geht ab. Dass sich Seltsames zugetragen hat, dämmert dem Erzähler, der mit dem Primaten im Dampfbad und beim anschließenden Kaltgetränk geplaudert hat, nach und nach. Dass der in Hochkulturellem gut geschulte Affe ein Widerling erster Güte ist, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

„Bekenntnis des Affen von Shinagawa“ ist eine von acht mehr oder weniger neuen Erzählungen, die in Murakamis dieser Tage erschienenem Buch „Erste Person Singular“ gesammelt wurden. Gemein ist ihnen – der Titel verspricht nicht zu viel –, dass sie von recht farblosen Ich-Erzählern erzählt werden. Und dass sich realistische Dekors und surreale Wendungen nicht ausschließen. Doch selbst das – eines von Murakamis Erfolgsgeheimnissen, jedenfalls bei seiner westlichen Leserschaft – hat in „Erste Person Singular“ etwas einfallslos Mechanisches. Da erfindet einer eine Charlie-Parker-Platte – und findet sie Jahrzehnte später im Plattenladen. Und ein werdender Dichter, der sich mit Haruki Murakami nicht nur den Namen teilt, dichtet während der Baseball-Partien seines Lieblingsteams Gedichte über sein Lieblings­team. Das Interesse an den Gedichten ist enden wollend. Was aber dem Dichter, der wenig später zum Erzähler wird, recht egal ist. Er schreibt die Geschichte – sie ist mit „Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows“ überschrieben – nur auf, um sich die Wartezeit bis zum nächsten Spiel zu verkürzen. Das kann man eine Pointe nennen. Oder: eine Fingerübung. Oder – schlicht und ergreifend – langweilig. (jole)

Erzählungen

Haruki Murakami: Erste Person Singular. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont, 216 Seiten, 22,70 Euro.

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