Beklemmendes Horrorstück: Sciarrino-Oper in Klagenfurt

Nach zwei Verschiebungen ist am Donnerstag die Uraufführung von „Il canto s‘attrista, perché?“ des sizilianischen Komponisten Salvatore Sciarrino vor einer Handvoll Zuseher über die Bühne des Klagenfurter Stadttheaters gegangen. Regisseur Nigel Lowery setzte schaurig-schön die Düsternis in Szene, großartige Darsteller ließen dem Publikum das Blut in den Adern gefrieren. Die Generalprobe war von Ö1 aufgezeichnet worden, nun bleibt das Haus bis Ende März geschlossen.

Salvatore Sciarrino, der meist auch das Libretto zu seinen Stücken verfasst, zählt zu den begehrtesten Komponisten der Gegenwart. Sein reduzierter, auf Klang und Stille konzentrierter Musikstil erzeugt beim Zuhören fast hypnotische Kraft. Auch seine neue, vom Stadttheater in Auftrag gegebene Oper, auf Deutsch „Der Gesang wird traurig, warum?“, beeindruckt durch sparsame Instrumentierung und kraftvolle Charaktere, dazu mit einem Chor, der in jeder Szene über das Geschehen informiert und es kommentiert. Der Inhalt stützt sich auf den ersten Teil der „Orestie“ von Aischylos und füllt quasi die Lücke zwischen Christoph Willibald Glucks „Iphigenie“ und der „Elektra“ von Richard Strauss.

Agamemnon, König von Mykene, kehrt nach zehnjähriger Abwesenheit siegreich aus dem Trojanischen Krieg zurück. Ihn begleitet als Sklavin und Konkubine die Seherin Kassandra, was den Zorn seiner Frau Klytemnästra noch verstärkt. Sie hat längst geplant, ihren Mann wegen der Opferung der Tochter Iphigenie zu ermorden. Sciarrino macht die Konfrontation zwischen der rachedurstigen Klytemnästra und der die unabänderliche Zukunft erkennenden Kassandra zum Zentrum der Handlung. Der Psychokrieg zwischen den zwei Frauen endet in einem Gemetzel hinter geschlossenen Türen: Agamemnon und Kassandra werden von Klytemnästra erschlagen.

Schon der Prolog zu der symmetrisch aufgebauten Szenenfolge ist düster: Hoch oben am Dach eines dunklen, fensterlosen Palasts hält ein Wächter müde Ausschau (Countertenor Tobias Hechler). Schwarz in Schwarz sind Bühnenbild und Kostüme von Regisseur Nigel Lowery, der seine Inszenierung nach eigenen Worten „zwischen Horrorfilm und Geistergeschichte“ ansiedelt. Da und dort das Aufflammen von Taschenlampen, ein im Lichtschein beleuchtetes weißes Gesicht, der grüne Schein aus der Kutsche, mit der Agamemnon und Kassandra vorfahren, bevor sie zur Schlachtbank geholt werden.

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Der unterschwellige Horror, der so aufgebaut worden ist, platzt dann mit voller blutroter Wucht bei den Visionen von Kassandra auf: Das Innere des Hauses wird via Videoprojektion sichtbar - ein heutiger Gasherd, schmutziges Geschirr, ein Bad und überall Blutspuren wie in einem TV-Krimi. Drastisch das Bild einer nackten Leiche am Fliesenboden, grell überzeichnet auch die überdimensionalen Masken und riesigen Mörderhände der Akteure auf der Bühne. Der an Gewaltbildern übersättigten Gesellschaft wird ein Spiegel vorgehalten, die finsteren Prophezeiungen werden gehört, können aber nicht mehr geändert werden.

Die Klagen von Kassandra (glockenhell der Sopran von Rinnat Moriah), die Verbissenheit von Klytemnästra (teuflisch intensiv: Iris van Wijnen) und die Erschöpfung von Agamemnon (Otto Katzameier) entlassen das Publikum mit dem Bild von einstürzenden Wänden und fallenden Vorhängen: Am Ende wird es hell und man sieht das Innere des alles beherrschenden Hauses - die Realität.

Die Statisten tragen Masken, der unsichtbare Chor des Stadttheaters ist eindringlich präsent, das Kärntner Sinfonieorchester unter der Leitung von Tim Anderson breitet perfekt den (Klang-)Teppich für die Sänger aus. Wie in einem nur wenig gefüllten Kinosaal mag sich das Publikum (vom Medienvertreter bis zum Landeshauptmann) vorgekommen sein. Dem starken Eindruck dieser als Koproduktion mit der Oper Wuppertal realisierten Musiktheater-Premiere tat die Pandemie-Situation keinen Abbruch. Im Gegenteil.

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