Thomas Bernhard als Comic: Gezeichnete Prosa, ratternde Ausweglosigkeit

Thomas Bernhard wäre heute 90 geworden. Der Tiroler Lukas Kummer adaptiert die Autobiografie des Autors als Comic. Zwei Bände liegen bereits vor.

Mit „Die Ursache“ und „Der Keller“ hat Lukas Kummer bereits zwei Thomas-Bernhard-Texte in Comics verwandelt. Band Nummer drei, „Der Atem“, soll im Herbst erscheinen.
© Sudhoff

Innsbruck, Kassel – Thomas Bernhards Geburt jährt sich heute zum 90. Mal. Seit seinem Tod vor mittlerweile 32 Jahren ist der zu Lebzeiten offensiv angefeindete „Übertreibungskünstler“ und „Erregungsauslöser“ auch in seiner österreichischen Heimat doch und wider seines letzten Willens zum Gegenstand staatstragenden Stolzes geworden. Zu seinem runden Geburtstag erschienen zuletzt Würdigungen ohne Zahl – und neue Bücher, die sich, auch die TT berichtete, Leben und Werk des großartigen Grantlers annäherten.

Auf eine Neuerscheinung muss man allerdings noch etwas warten. Erst im Herbst soll Lukas Kummers Comic-Adaption von Bernhards autobiografischer Erzählung „Der Atem“ erscheinen. Es ist der dritte Bernhard-Band des 1988 in Innsbruck geborenen und in Matrei am Brenner aufgewachsenen Zeichners. Er folgt auf „Die Ursache“ (2018) und „Der Keller“ (2019). Zwei weitere Bände – „Die Kälte“ und „Ein Kind“ – sind in Planung.

Lukas Kummer lebt seit 2007 in Kassel. Er hat an der dortigen Kunsthochschule studiert. 2015 veröffentlichte er sein erstes Buch. Dessen Titel, „Die Verwerfung“, klingt bereits ein bisschen nach Bernhard. Erzählt wird allerdings eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg. Zum Bewerbungsschreiben für die Bernhard-Reihe wurde „Die Verwerfung“ trotzdem.

Da hatte der Wiener Illus­trator Nicolas Mahler bereits bewiesen, dass sich Bernhards Suaden auch zeichnen lassen. Mahlers Version der „Alten Meister“ wurde 2011 für den Suhrkamp-Verlag vom Experiment zum Überraschungserfolg. Der Residenz-Verlag, Rechteinhaber von Bernhards autobiografischen Schriften, wollte nachziehen. Kummer erhielt den Zuschlag. Auch, weil er einen anderen Weg andachte als Mahler. Der hatte Bernhards Personal in seine Figurenwelt geholt – und damit nicht zuletzt den Autor als (mitunter wohl unfreiwilligen) Humoristen herausgearbeitet.

„Dieser Ansatz hätte bei der Autobiografie nicht gepasst“, sagt Lukas Kummer. Er habe sich ganz bewusst mit der eigenen Handschrift zurückgehalten. „In dieser Geschichte folgt Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag. Das wollte ich ernst nehmen. Da muss ich nicht auch noch meinen Senf dazugeben“, sagt er. Manche Merkmale der Bernhard’schen Prosa wechseln dabei von der Text- auf die Bildebene. Bei Kummer wiederholen sich nicht die Sätze, sondern visuelle Motive. Trotzdem stellt Lukas Kummer klar: „Das Bedeutende bei diesen Arbeiten ist der Text. Die Bilder sind Begleitmaterial.“ Kürzen musste er die Erzählungen trotzdem. „Aus zehn Textseiten werden hundert Seiten Comic“, sagt Kummer. Den so typischen Bernhard-Ton, dieses unbarmherzige Ausweglosigkeitsrattern, treffen die beiden bislang vorliegenden Bände trotzdem. Sie haben auch Peter Habjan, Bernhards in Fragen allzu freier Interpretation bisweilen überstrengen Universalerben, überzeugt. Er hat Lukas Kummer 2019 zu einer Lesung nach Ohlsdorf eingeladen. (jole)


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