„Neues aus der Welt“: Versöhnungsversuche in unversöhnlichen Zeiten

Der Western „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und der für den Golden Globe nominierten 12-jährigen Helena Zengel startet heute auf Netflix.

Zwei gebrochene Figuren: Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) und seine Begleiterin Johanna (Helena Zengel) verstehen sich auch ohne Worte.
© Netflix

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Amerika 1870, fünf Jahre nach dem Sezessionskrieg: Captain Jefferson Kyle Kidd schlägt sich als fahrender Nachrichten-Vorleser durch, der den Siedlern im abgelegenen Wilden Westen Zeitungsgeschichten erzählt. Dabei entschärft er auch schon mal die angespannte Stimmung zwischen den noch immer verbitterten Konföderierten-Kriegsverlierern und den blau uniformierten Nordstaaten-Soldaten im Publikum. Doch auch er selbst hat die Kriegsjahre mit all dem vergossenen Blut und einem persönlichen Verlust noch immer nicht verwunden.

Der 64-jährige Tom Hanks spielt seinen Veteranen sichtlich melancholisch-abgekämpft. Nach unzähligen aufrechten Kapitäns-Rollen spielt die Stimme von „Toy Story“-Cowboy Woody nun also einen ehemaligen Südstaaten-Captain in einem Western. Es wäre kein Tom-Hanks-Film, wenn seine stille Helden-Figur nicht die Chance zu einer guten Tat wahrnehmen würde. Er soll das ebenso wilde wie verschüchterte 10-jährige Waisenmädchen Johanna zu dessen entfernten Verwandten bringen. Von Kiowa entführt und aufgezogen, verlor Johanna dann auch diese indigenen Ersatz-Eltern wieder. Das ungleiche, traumatisierte Duo erinnert an den zweimal verfilmten Rache-Western „True Grit“ und ist doch aus anderem Holz geschnitzt.

📽️ Trailer | Neues aus der Welt

Die Überraschung des Films ist dabei der deutsche Kinder-Star Helena Zengel. Sie bekam diese schwierige Rolle an der Seite von Tom Hanks nach ihrem kraftvollen Auftritt im Film „Systemsprenger“ – und nun prompt eine Golden-Globe-Nominierung dafür. Als Johanna Leonberger spricht sie in untertiteltem Kiowa mit einigen Brocken ihrer deutschen Erstsprache. Doch die beiden verstehen sich auch ohne Worte auf ihrem gefährlichen Trip durch die beeindruckend gefilmten Americana-Landschaften von Wichita Falls nach Castroville.

Der angenehm ruhige Western „News of the World“ lässt sich wunderbar als Kommentar auf die amerikanische Gegenwart lesen. Teilweise ist er auch so geschrieben, etwa wenn Captain Kidd sich weigert, aus dem Propaganda-Blatt eines korrupten Lokalpolitikers vorzulesen – eine deutliche Allegorie auf Fake-News und den gefährdeten Wahrheitsanspruch des Journalismus. Basierend auf dem Roman von Paulette Jiles aus dem Jahr 2016 fanden die Dreharbeiten unter Regie-Veteran Paul Greengrass bereits Ende 2019 statt. Doch egal wie prophetisch oder historisch: Die unversöhnliche Nachkriegszeit, die melancholische Güte der Haupt­figur und die mehrfache Identität der jungen Johanna in einer amerikanischen Natio­n im Wandel passen perfekt ins Jahr 2021.

TT-ePaper gratis testen und 20 x € 100,- Einkaufsgutscheine gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch

Und Hollywood-Star Hanks gilt sowieso seit Langem als gute Seele und humanistischer Hoffnungsspender Amerikas, nicht erst seit seiner Corona-Erkrankung und als Moderator von Joe Bidens virtueller Angelobung. Vielleicht kann der gute Amerikaner mit Hilfe einer deutschen Einwanderin auch diesmal versöhnlich in die Zukunft schauen.


Kommentieren


Schlagworte