Geschichten ohne Leerlauf: Jean-Claude Carrière ist tot

Jean-Claude Carrière arbeitete mit Buñuel, Godard und Miloš Forman. Nun ist der Autor 89-jährig gestorben.

Jean-Claude Carrière.
© AFP

Paris – Jean-Claude Carrière hat Geschichten für Filme geschrieben – und Filmgeschichte. Auch die des österreichischen Kinos wäre ohne den 1931 im südfranzösischen Colomières-sur-Orb geborenen Autor um einige Kapitel kürzer. Oder eben um etwas Leerlauf reicher. Denn es war Carrière, der Michael Haneke als „script consultant“ geraten hat, sein für „Das weiße Band“ akribisch zusammengetragenes Material radikaler zu verdichten. Auch Virgil Widrich arbeitete mit Carrière zusammen. Gemeinsam schrieben sie „Die Nacht der 1000 Stunden“ (2016) – und das noch unveröffentlichte Trickfilm-Projekt „Micromeo“.

Die Liste der Filmemacher, mit denen Carrière in seiner mehr als 60-jährigen Laufbahn zusammengearbeitet hat, ist lang. Und beeindruckend. Für Louis Malle schrieb er die Revolutionsposse „Viva Maria“ (1965) mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau und „Der Dieb von Paris“ (1967) mit Jean-Paul Belmondo; für und mit Miloš Forman verfasste er dessen US-Debüt „Taking Off“ (1971) und – Jahrzehnte später – „Valmont“ (1989). Mit Volker Schlöndorff adaptierte Carrière Grass’ „Blechtrommel“ (1979); Jean-Luc Godard suchte seinen Rat für „Rette sich, wer kann (das Leben)“ (1980). Mit Andrzej Wajda entstanden „Danton“ (1983) und „Die Dämonen“ (1987), mit Philip Kaufman das Oscar-nominierte Script für „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“(1988). Dazwischen: Abstecher ins Abseitigere. Zu Schundfilmkaiser Jess Franc­o („Das Geheimnis des Dr. Z“, 1965) zum Beispiel. Oder Genre-Veredler Jacques Deray („Borsalino“, 1970).

Vor allem aber war Jean-Claude Carrière Haus- und Hofautor von Luis Buñuel, mit dem er seit „Tagebuch einer Kammerzofe“ (1964) regelmäßig zusammenarbeitete. Unter anderem bei „Belle de Jour“ (1967), „Die Milchstraße“ (1969), „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972) und „Dieses obskure Objekt der Begierde“ (1977). Daneben schrieb Carrière Romane und für die Bühne. Oder er philosophierte mit Umberto Eco über „Die große Zukunft des Buches“.

2015 wurde Jean-Claude Carrière mit dem Ehren-Oscar ausgezeichnet, 2016 erhielt er den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk. Und arbeite weiter. An Julian Schnabels Van-Gogh-Film „An der Schwelle zur Ewigkeit“ (2018) zum Beispiel. Die hat Jean-Claude Carrière, hartnäckiger Homme de lettres und der tausend Geschichten, Maître magischer Einfälle und filmischer Erzählökonomie, nun überschritten. In der Nacht auf Montag ist er 89-jährig in Paris gestorben. (jole)

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