Corona und die Psyche: Ratschlag, Rituale zu erhalten

Psychiater Ludwig Prokop sieht durch Corona bereits schwere psychosoziale Kollateralschäden in der Gesellschaft.

Jeder braucht Zuwendung. Psychiater Ludwig Prokop holt sie sich in diesen fordernden Zeiten von Hündchen Leroy.
© Helmut Mittermayr

Von Helmut Mittermayr

Reutte – „Das ist nicht nur eine virologische und ökonomische Pandemie, auch eine psychosoziale!“ Ludwig Prokop, Psychiater aus Reutte, schildert die veränderte Landschaft, wie sie sich ihm als Arzt darstellt. Die Kollateralschäden seien groß. Das stellt er tagtäglich in seiner Praxis fest. „Seit Juli 2020 haben die Störungen zugenommen, gerade Schlafstörungen. Die Pandemie verursacht Dauerstress. Viele, die es anfangs noch gut bewältigen konnten, geraten mit der Zeit in eine Erschöpfung hinein.“ Für den Mediziner sind psychosoziale Vereine, wie zum Beispiel Pro Mente in Reutte, „ein großes Glück“. Solche Vereine würden wirklich betreuen, zudem soziale Kontakte und Regelmäßigkeiten schaffen helfen. Ein wichtiges Instrument, um den sich ausbreitenden diffusen Ängsten zu begegnen. Auch die Arbeit der PsychotherapeutInnen sieht er als ganz wichtig an.

Für den 62-Jährigen ist der Verlust der Tagesstruktur gepaart mit beengten Wohnverhältnissen ein Problemtreiber. „Familien sozial Schwächerer, bei denen Perspektivlosigkeit, Arbeitsplatzverlust, Home-Schooling u. v. m. aufeinandertreffen, sind besonders gefährdet auszubrennen.“ Die Pandemie wirke für Konflikte wie ein Vergrößerungsglas. Die Scheidungsrate werde extrem steigen, glaubt er herauszuhören. Wer arm sei, könne sich auch nicht über längere Zeit eine notwendige Psychotherapie leisten – auch wenn sie gefördert werde.

Prokop nennt ein Beispiel für den erschwerten Alltag eines Psychiaters: „Bei akuten Krisenfällen mit Selbstgefährdung muss zuerst das Ergebnis des PCR-Tests abgewartet werden, bevor jemand nach Hall geschickt werden kann.“ Diese 24 Stunden zu überbrücken, sei sehr fordernd. Kaum erklärbar sei hingegen die aktuell stark rückläufige Zahl der Suizide im Bezirk Reutte. Er befürchtet aber Spätfolgen.

Des Doktors Empfehlungen: den „hundsnormalen“ Alltag weiterführen. Rituale aufrechterhalten, beim Schlafen gewohnte Zeiten beibehalten. Kontakt zu Freunden und Bekannten keinesfalls aufgeben, auch wenn dies gerade schwierig sei. Zudem rät er, das Smartphone wegen täglich belastender aufrüttelnder Informationen öfter zur Seite zu legen. Und sich schnellstmöglich impfen zu lassen, um der Pandemie den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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